250 Dinge, die wir an der Region mögen (144): Der Neuensteiner Ortsteil Obergeis

Ein Dorf zum Verlieben

Die Bank am Naturdenkmal Kugellinde lädt oberhalb von Obergeis zum Schauen und Genießen ein. Foto: Urban

NEUENSTEIN. Wie oft sind Sie auf dem Weg zu oder von der Autobahn Anschlussstelle Bad Hersfeld West schon an Obergeis vorbeigefahren? Den Kopf voll mit Alltagsgeschehen oder Urlaubsvorfreude, rauscht der Ort vorüber. Aber wer ihn besucht, dem zeigt er seine Herzlichkeit, seinen Reiz und seine Geschichte.

Es duftet nach trockenem Gras, Hecken, Büsche und Bäume spenden Schatten. Der „Rote Weg“ klettert steil den Berg hinauf und ist, wie alle Rad- und Wanderwege um Obergeis, auch jenseits des letzten Wohnhauses geteert. Noch scheint das Dorf im Tal zum Greifen nah. Die Tankstelle, der Edeka-Markt, das Industriegebiet mit der ICE-Trasse und gleich dahinter die Autobahn sind Zeugen der wirtschaftlich günstigen Lage und des modernen Lebens im Ort. Doch wie ein mahnender Zeigefinger ragt der Turm der Burg Neuenstein aus dem Wald hinter Aua auf.

1142 erstmals erwähnt

Ein Stück Vergangenheit, das auch in die Zukunft weist. „Geisaha“ nannten die Einheimischen ihre Siedlung, als sie 1142 erstmals erwähnt wurde. Damals gehörten Aua mit dem Kloster, Ober- und Untergeis, Gittersdorf, Biedebach und Erzebach zum Amt Geis. Kühe zogen den Pflug über den Acker, das Getreide wurde mit Sicheln geschnitten und mit dem Flegel ausgedroschen. So, wie es der Heimat- und Trachtenverein in Obergeis noch heute tut. Der Wald reichte sicher weiter ins Tal, die Wüstung Holstein war bewohnt und am Eisenberg wurde Eisen abgebaut und verhüttet. Die Grundmauern einer Kapelle zwischen Holsteinkopf und Eisenberg, Hügelgräber, die Überreste des Bergwerks und der Eisenhütte erinnern an die ewige Suche nach göttlichem Schutz und menschlichem Streben. Von der Schutzhütte „Auf der Hochmull“ betrachtet, wirkt der Eisenberg majestätisch, still und friedlich.

Nichts deutet auf das Leben in der Vergangenheit oder auf den Betrieb hin, der in der Ferien- oder der Ski-Saison dort herrscht. Rechts von ihm sind die Windräder des Knüllgebirges am Horizont zu erahnen, links verschwindet die Schnellbahn im Schickeberg-Tunnel. Wer sich hier auskennt, findet Pfifferlinge und Steinpilze. Frisch in Butter gebraten sind sie ein Gedicht zu selbstgebackenem, herzhaftem Bauernbrot, das einige Obergeiser regelmäßig im Backhaus backen. Obwohl – wie in vielen Gemeinden – auch in dem rund 950-Seelen-Dorf der Ortskern zu überaltern droht, werden Nachbarschaftshilfe, Geselligkeit und Miteinander gelebt. Die Besucherzahlen bei Gottesdiensten und Kirchenfesten lassen manche Pfarrer anderer Gemeinden neidisch werden. Und immer gilt: Gäste sind herzlich willkommen. Ob beim Osterfeuer, bei der traditionellen Kirmes mit Festzug im Oktober oder einem der Feste, die Reit- und Fahrverein, Skiclub, Bergwacht und die anderen Vereine organisieren, ob zu einer Radtour mit Rast am Naturdenkmal Kugellinde oder um bei einer Wanderung zum Aubelsberg den Blick auf den Fernmeldeturm in Wippershain, zum Soisberg und zum Landecker zu genießen. Der markante Kirchturm überragt in und um Obergeis weithin sichtbar die Häuser wie eine Einladung. Man muss sie nur annehmen.

Von Dagmar Urban

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