Blick in die Geschichte

Während Elise Honsteins Konfirmation rückten amerikanische Truppen in Kirchheim ein

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Erinnert sich: Ausgerechnet in der Nacht vor dem Prüfungsgottesdienst zu Elise Honsteins Konfirmation waren nach einer heftigen Detonation die Fenster der evangelischen Kirche in Kirchheim zerborsten und die Türen aus den Angeln gerissen.

Rotterterode. Zu Pfingsten 1945 nahm der Schrecken für Elise Wenzel (heute Honstein) doch noch ein gutes Ende: Ordentlich und in Würde wurde ihre Konfirmation in der Kirchheimer Kirche nachgefeiert.

Zur eigentlichen Einsegnung einige Wochen zuvor war der Rotterteröderin der Krieg so nahe kommen, wie noch nie. „Der Krieg verlief bis dahin eigentlich für mich als 14-Jährige ohne besondere Vorkommnisse“, berichtet die heute 84-Jährige. Das sollte sich ausgerechnet am Karfreitag, dem 30. März 1945, ändern. Der Tag, an dem der Prüfungsgottesdienst in der Kirchheimer Kirche anstand. „In der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag gab es einen fürchterlich lauten Knall. Unser einquartierter Offizier kam aus seinem Zimmer gestürmt und sagte uns, dass eine Brücke an der Autobahn bei Kirchheim gesprengt worden sei“, erinnert sich Elise Honstein.

Pünktlich zur Kirche

Das Bild zeigt die damals 14-jährige im Frühjahr 1945.

Trotzdem sei sie am nächsten Tag pünktlich nach Kirchheim aufgebrochen. Soldaten am Ortseingang hätten nur verständnislos mit dem Kopf geschüttelt, als sie vom Ziel der kleinen Gruppe erfuhren. „Wir waren dann sehr erschrocken, als wir die Kirche erreichten und sahen, das die Türen ausgerissen und alle Fenster kaputt waren.“ Angesichts dieser Umstände und weil die Konfirmanden aus Reckerode gar nicht erst gekommen waren, hätte Pfarrer Albrecht beschlossen, die Kinder gar nicht erst zu prüfen, sondern gleich zu konfirmieren. „Ich höre noch heute den Wortwechsel zwischen der alten Anna Hahn aus Rotterterode, die aufstand und sagte: ,Herr Pfarrer, die Panzer sind schon in Frielingen‘, und Pfarrer Albrecht, der ,Lasst sie nur kommen, wir sind ja im Gotteshaus‘ antwortete“, erzählt die alte Dame weiter. Sie seien dann vor dem Altar eingesegnet worden, konnten aber nicht niederknien, weil alles voller Scherben war. Derweil war die Kirche umgeben von Soldaten mit Gewehren und Panzerfäusten. „Es war kalt, schmutzig, gruselig und schrecklich für mich“, erinnert Honstein sich heute. Auf dem Weg nach Hause seien Geschosse über sie hinweg geflogen. Am Nachmittag habe sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen „echten“ amerikanischen Jeep gesehen.

Über Ostern seien dann immer mehr amerikanische Soldaten nach Rotterterode gekommen, aber: „Wir merkten, dass die es gut mit uns meinten.“ Zehn Häuser mussten Hals über Kopf geräumt werden, nur fünf blieben für die Rotterteröder. Die Soldaten indes seien so müde gewesen, dass sie sofort ihre Quartiere aufsuchten und sich dort „kreuz und quer umherliegend“ erst einmal ausschliefen. Am Dienstag nach Ostern zogen die amerikanischen Soldaten und die französischen Kriegsgefangenen ab aus Rotterterode. Die Aufregung der letzten turbulenten Tage hatte ein Ende.

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