Vor allem in den Dörfern noch verbreitet

Brauchtum am Nikolaustag: Kläuschen bitten um Gaben

Lauter kleine Kläuse: Ausgestattet mit Zipfelmützen, Umhängen und natürlich großen Taschen waren die Kinder in Gershausen am Nikolaus unterwegs, um in den Häusern um Süßigkeiten zu bitten. Foto: Miehe

Gershausen. Bei Anbruch der Dunkelheit huschten am Nikolaustag auch dieses Jahr wieder vielerorts – wie in Gershausen – kleine, vermummte Gestalten durch die Straßen und klingelten an den Türen… Die Kläuschen waren unterwegs.

Seit Jahrzehnten fiebern die Kinder in den meisten Gemeinden unseres Landkreises diesem Tag entgegen, wollen sie doch von Haus zu Haus ziehen und sich mit bewährten Heischeversen Gaben erbitten. „Ich bin der kleine Klaus, geh von Haus zu Haus; lasst mich nicht so lange stehen, denn ich muss noch weitergehen!“ Oder: „Ich bin der kleine Dick, ich wünsche euch viel Glück; ich wünsche euch ein langes Leben, müsst mir auch was ins Säckchen geben!“ Oder: „Ich bin ein kleiner Zwerg und komm vom Eisenberg; gebt mir etwas in die Hand, dann zieh ich weiter durch das Land.“ Oder: „Ich bin ein kleiner König, gebt mir nicht so wenig; gebt mir schöne Sachen, dann bring ich euch zum Lachen!“ Oder: „Ich bin die kleine Erika, komme aus Amerika; gebt mir ein paar Plätzchen, dann bin ich euer Schätzchen!“

In den vergangenen Jahren erbitten sich in Gershausen einige Kinder auch mit anspruchsvollen Gedichtsvorträgen eine Gabe. Viele Varianten der Heischeverse, Gedichte, Lieder und Kostümierungen waren und sind verbreitet – der Phantasie der Kinder sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Ursprung des Brauches

Wo der Brauch, der auch in anderen nordhessischen Regionen, aber nur in Nordhessen, verbreitet ist, letztlich aufkam, ist nicht mehr zu ermitteln. Älteste Mitbürger unseres Raumes können aber belegen, dass erste Ansätze schon vor dem Zweiten Weltkrieg zu verzeichnen waren. Zum Beispiel in Kirchheim sind schon Ende der Zwanzigerjahre einige Kinder als Kläuschen gegangen. Heinrich Walper, Jahrgang 1923, erinnert sich, dass er und zwei weitere Jungen sogar neben alter Kleidung schon eine Maske hatten und dass sie in ihrem Viertel Heischeverse aufgesagt haben.

Änne Roppel aus Friedewald, ebenfalls Jahrgang 1923 , erinnert sich auch, dass sie in den Dreißigerjahren am Nikolaustag geheischt hat. Auch Georg Apel aus Reilos, Jahrgang 1922, ist um 1930 mit seinen Kameraden auch schon als Kläuschen heischen gegangen – einige hatten auch schon eine Maske. In den meisten anderen Gemeinden unseres Raumes wird sich der Brauch offensichtlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach immer mehr durchgesetzt haben – im Werratal allerdings bis zur Gegenwart nicht.

Bräuche wandeln sich, passen sich in gewisser Weise den jeweiligen Lebensverhältnissen und dem Zeitgeist an oder werden gar ganz aufgegeben oder etablieren sich auch neu. In Bad Hersfeld, zum Beispiel, sind die Kläuschen vor allem in den Geschäften in der Innenstadt unterwegs. Ob das Heischen der Kinder an Halloween, das in den letzten Jahren in einigen Gemeinden aufgekommen ist, dem Zeitgeist schließlich eher entspricht und die Kläuschen verdrängt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Von Brunhilde Miehe

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