Montagsinterview

DRK-Vizepräsidentin Donata Schenck zu Schweinsberg: Wir müssen die Helfer auf Händen tragen

Gleich zwei rote Kreuze: Donata Freifrau von Schenck zu Schweinsberg aus Oberaula-Hausen, Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, wurde für ihr soziales Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Foto: Eisenberg

Hausen. In Berlin hat Bundespräsident Joachim Gauck Donata Freifrau von Schenck zu Schweinsberg das Bundesverdienstkreuz verliehen. Wenig später arbeitet die Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes in ihrem schmucken Fachwerkhaus im Oberaulaer Ortsteil Hausen schon wieder an den nächsten Projekten. Wir sprachen mit ihr über die Auszeichnung, ihr Engagement und die Flüchtlingskrise.

Was bedeutet Ihnen die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes?

Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg: Es ist für mich einerseits die Bestätigung, dass das, was ich tue, offensichtlich sinnvoll ist. Die Auszeichnung habe ich auch stellvertretend für alle anderen Menschen bekommen, die im Moment die Ärmel hochkrempeln und unheimlich viel tun.

Sie engagieren sich seit 1979 für das DRK. Was treibt Sie an?

Schenck: Ich habe Sozialpädagogik gelernt. Als mein drittes Kind in den Kindergarten kam, wollte ich nicht nur zu Hause sitzen. Ich habe mich in der Gefängnis-Betreuung engagiert und bin eher zufällig zum Roten Kreuz gekommen. Dort habe ich im Krankenhaus-Betreuungsdienst mitgemacht und bei der Blutspende Brote geschmiert. Man wächst in solche Aufgaben herein und sieht, wo Bedarf ist.

Flüchtlinge sind derzeit das zentrale Thema. Teilen Sie die Einschätzung der Bundeskanzlerin: „Wir schaffen das?“

Schenck: Wir schaffen es natürlich nur, wenn wir die ehrenamtlichen Helfer weiter auf Händen tragen und uns nicht darauf verlassen, was die Bevölkerung alles leistet. Die Langzeitarbeitslosen, Hartz-IV-Bezieher oder Alleinerziehenden dürfen nicht das Gefühl haben, den Kürzeren zu ziehen. Außerdem schaffen wir es nur, wenn wir die Menschen aus sicheren Herkunftsstaaten schnellstmöglich zurückschicken. Das ist humaner, als sie hier sechs Wochen lang in einer Unterkunft sitzen zu lassen. Vielleicht müssten wir in diesen Ländern auch an die Medien gehen und zeigen, wie die Situation an den Grenzzäunen ist. Dann würden sich vielleicht viele Menschen überlegen, ob sie diese strapaziöse Reise auf sich nehmen.

Was ist die größere Herausforderung – die Erstversorgung der Flüchtlinge in den DRK-Notunterkünften oder ihre Integration in das Alltagsleben der Dörfer wie Oberaula?

Schenck: Die Herausforderungen unterscheiden sich stark: In den Notunterkünften leben viele unterschiedliche Menschen unter einem Dach. Es ist darauf zu achten, dass Frauen nicht unterdrückt werden. Wir müssen strenger bei der Auswahl der Sicherheitskräfte sein und ein Auge auf die Dolmetscher haben. In den Dörfern haben wir das Problem, dass gewissen Bevölkerungsgruppen – beispielsweise Afghanen – gar kein Deutschunterricht zusteht. Also lernen die hier nichts, wenn es keine Ehrenamtlichen gibt. Praktikumsstellen zu finden, scheitert auch an Versicherungsfragen. Eine Chance ist das freiwillige Soziale Jahr, das auch für Flüchtlinge offen ist.

Wie viele Flüchtlinge verträgt eine Gemeinde wie Oberaula, ohne dass die Stimmung kippt? 

Schenck: Im Moment sind es in Oberaula rund 60. Das verträgt die Gemeinde prima. Wir müssen aufpassen, dass die Helfer alle an einem Strang ziehen. Wenn jemand meint, die Christen bevorzugen zu müssen, ist das nicht im Sinne des Roten Kreuzes. Jeder, der in Not ist, muss Hilfe bekommen.

Sie beklagen, dass Kommunen den Zustand einer Flüchtlingswohnung nicht ausreichend prüfen. Lassen die Kreise sich zu oft auf dubiose Geschäftemacher ein?

Schenck: Die Landräte haben da natürlich auch einen schwierigen Job. Alle festen Unterkünfte sind besser als ein Zelt oder gar kein Dach über dem Kopf. Wir müssen aber mit den Vermietern kritisch umgehen. Ein Abstellraum und ein Kellerraum müssen vorhanden sein. Jeder Flüchtling muss fünf bis sechs Quadratmeter für sich haben. Bad und Küche sollten in Ordnung sein und die Schlafzimmer sollten auch Türen haben. Die Kommunen müssen kontrollieren, ob ein Vermieter versucht, einen Reibach zu machen.

Auch das DRK bekommt ja für den Betrieb seiner Notunterkünfte Geld. Wo fängt für Sie der Reibach an?

Schenck: Bei einer ortsüblichen Miete muss das Haus den ortsüblichen Standards entsprechen. Natürlich bekommt auch das DRK für seine Flüchtlingsunterkünfte Geld. Im Präsidium haben wir beschlossen, dass wir die Einnahmen an die Flüchtlingshilfe binden. Alle Kreis- und Ortsverbände können Unterstützung für ihre Projekte beantragen.

Die Flüchtlingshilfe bindet viele Helfer. Kommen dabei andere Aufgabenfelder des DRK zu kurz? 

Schenck: Wir bemühen uns, dass sie nicht zu kurz kommen. In den zwei großen Einrichtungen in Erding und Feldkirchen in Bayern sind beispielsweise 7000 Ehrenamtliche im Einsatz. Das sind nicht nur unsere normalen Rotkreuzler, sondern viele, die sich zusätzlich engagieren. Unser Staat kann sich darüber ganz schön freuen.

Berlin und Hausen, DRK-Vizepräsidentin und zehnfache Großmutter – wie gelingt Ihnen im Alltag dieser Spagat?

Schenck: Früh aufstehen und einen der ersten Züge nach Berlin nehmen. Meistens bleibe ich drei Tage am Stück und bin manchmal auch im Ausland unterwegs. Am Wochenende habe ich meinen Haushaltstag. In den Sommerferien sind die Kinder oft hier. Dann kann ich Termine im Umfeld wahrnehmen. Es ist zu schaffen, aber ich habe auch keine anderen Hobbys.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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