Dokumentation über Häuser an innerdeutscher Grenze – Familien fühlen sich bestohlen

Die Heimat verloren

Die Heimatforscher undAutoren Bruno Leister (links) und Wolfgang Christmann auf dem ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen nahe der Grenzgedenkstätte Point Alpha in Geisa. Foto: Jörn Perske/dpa

Soisdorf/Geisa. Ein Kapitel der Grenzgeschichte gerät 25 Jahre nach der deutschen Einheit allmählich in Vergessenheit: Die DDR machte auf ihrem Gebiet Hunderte Höfe und Häuser an der Grenze zum Westen platt. Die Opfer-Familien fühlen sich noch heute bestohlen.

Nur noch einige verwitterte Steine und eine Schautafel erinnern an den Abriss an der früheren innerdeutschen Grenze. Gegenüber der ruinenhaften Fundamentreste auf der Ostseite ist auf der Westseite ein neuer Besitzer in das erhaltene Haupthaus gezogen. Die alte Buchenmühle liegt mittlerweile idyllisch im Grünen an der Grenze von Eiterfeld-Soisdorf in Hessen zu Buttlar-Wenigentaft in Thüringen. Früher herrschte hier Kalter Krieg.

Grenze lief über den Hof

Zu DDR-Zeiten verlief die Grenze über den Hof der im 16. Jahrhundert errichteten Buchenmühle. 1952 wurde plötzlich ein Stacheldrahtzaun gezogen, um die Grenze zu ertüchtigen. Der Ostteil des Anwesens durfte fortan auf Anordnung nicht mehr betreten werden. Es wurde den Bewohnern sogar mit dem Gebrauch der Schusswaffe gedroht.

Im September 1961 wurden die Gebäude dann im Osten abgerissen, unter anderem das als Nebenwohnung genutzte 100 Jahre alte Auszugshaus. Die Besitzer mussten es mitansehen, zur Tatenlosigkeit verurteilt.

Die Buchenmühle wurde zum Sinnbild für Machtmissbrauch und staatliche Willkür der Stasi-Diktatur. Sie ist ein prägnantes Beispiel für eine beispiellose staatlich angeordnete Abrisswelle. Einige Hundert Höfe und Häuser wurden entlang der Grenze dem Erdboden gleichgemacht.

Heute, nach 25 Jahren Wiedervereinigung, ist dieses dunkle Kapitel der DDR-Geschichte nicht mehr so präsent im kollektiven Gedächtnis. „Wir versuchen dafür zu sorgen, dass dieser Teil der Grenzhistorie nicht in Vergessenheit gerät. Es war für die Bewohner damals extrem schmerzhaft, ihrer Heimat beraubt zu werden. Verloren gegangen ist auch ein Teil der regionalen Kulturgeschichte“, erklärt der Direktor der Grenzgedenkstätte Point Alpha, Volker Bausch.

Buch erschien 2011

In Geisa ist ein Teil der Dauerausstellung den geschleiften Höfen gewidmet. Geschildert werden Enteignungen und Abrissaktionen, die bei den Besuchern häufig ungläubiges Kopfschütteln hinterlassen.

Die Heimatforscher Bruno Leister aus Meiningen (Thüringen) und Wolfgang Christmann aus Burghaun (Hessen) recherchierten jahrelang und veröffentlichten 2011 ein Buch dazu. Titel: „Zur eigenen Sicherheit?“

Denn den leidtragenden Hofbesitzern wurde damals erklärt, dass sie das Grenzgebiet zur eigenen Sicherheit räumen müssen. Es drohte im Kalten Krieg ja eine ständige Gefahr aus dem Westen, wie es hieß. „Die Staatsmacht wollte freies Sicht- und Schussfeld an der Grenze“, erklärt Leister. „Und letztlich sollten auch systemkritische Menschen aus der Grenznähe entfernt werden“, ergänzt Christmann, der früher dort als Bundesgrenzschützer auf der Westseite unterwegs war.

iele Höfe wurden an regimetreue Genossen weitergegeben oder später abgerissen. „Eine echte Rechtsgrundlage gab es dafür nicht; nur Verordnungen, die willkürlich und unsystematisch umgesetzt wurden“, erläutert Christmann. Hochkonjunktur hatte diese Praxis in der 1970er-Jahren. Im Laufe der Jahrzehnte waren in der Gegend um Geisa herum rund 30 Höfe auf einer Grenzlänge von etwa 40 Kilometern betroffen. Die Hofbesitzer wurden ins Landesinnere umgesiedelt, unter Zwang. „Entschädigt wurden sie für ihren verlorenen Grund und Boden unzureichend bis gar nicht – auch nicht nach der Wende. Die Menschen fühlen sich bis heute bestohlen“, berichtet Leister.

„Viele Hofbesitzer mussten damals Knebelverträge unterschreiben, ihr Hab und Gut weit unter Wert verkaufen“, sagt Christmann. Die Besitzer der Buchenmühle, August und Lina Schabel, ließen ihren Hof, in dessen Nähe später auch Minen verlegt wurden, zurück. Einige hundert Meter weiter schufen sie sich mit ihrer Familie von 1964 an eine neue Heimat. Die alte Buchenmühle wurde zu einer Touristen-Attraktion. „Ganze Busladungen wurden dorthin gekarrt“, beobachtete Christmann. Mittlerweile ist am ehemaligen Todestreifen Ruhe eingekehrt. Die Natur hat die Grenze zurückerobert.

Von Jörn Perske

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