"Bergbau geht nicht ohne Abfälle"

Interview mit Ex-Bergwerksdirektor Norbert Deisenroth über die Grundstoffindustrie und die Krise bei K+S

Lebenswichtig: Der ehemalige Bergwerksdirektor Norbert Deisenroth demonstriert im Heringer Kali-Museum, wie sich der Getreide-Ertrag mit der Einführung des Kali-Düngers gesteigert hat. Foto: Eisenberg

Heringen. Als Bergwerksdirektor lenkte Norbert Deisenroth die Geschicke des Kaliwerks Wintershall, im Ruhestand setzt er sich als Förderkreis-Vorsitzender des Kalimuseums für die Bewahrung der Bergbau-Geschichte ein. Wir sprachen mit dem 81-Jährigen über die aktuelle Entsorgungskrise bei K+S und die Bedeutung der Grundstoffindustrie.

Das Heringer Kalimuseum bietet einen Überblick über mehr als ein Jahrhundert Bergbaugeschichte. Gab es schon einmal eine mit der aktuellen Situation vergleichbare Krise?

Norbert Deisenroth: Es gab schon öfter Zeiten, in denen auch Kurzarbeit angesetzt werden musste. Das waren aber meist absatzbedingte Einschränkungen. Jetzt geht es um genehmigungsrechtliche Fragen. Insofern ist die Situation viel ernster. Eine Absatzkrise geht irgendwann vorbei. Genehmigungen müssen aber erst erteilt werden.

Den meisten Menschen in der Region ist die Bedeutung von K+S bewusst. Aber warum sollte jemand in Witzenhausen, Frankfurt oder Berlin überhaupt Interesse am Fortbestand des Kalibergbaus haben?

Deisenroth: Der Kalibergbau ist eine Grundstoffindustrie und damit das erste Glied in der Wertschöpfungskette. Alles, was danach kommt, ist nicht möglich, wenn die Grundstoffindustrie nicht funktioniert. Kali ist zum einen Düngemittel, versorgt also eine andere Grundstoffindustrie, die Landwirtschaft. Der Kalibergbau liefert aber auch Grundstoffe für die chemische Industrie und vor allem für die pharmazeutische Industrie.

Um es greifbar zu machen: Wo hatten Sie, wo hatte ich heute vielleicht schon bewusst oder unbewusst mit Kali zu tun?

Deisenroth: Wir haben beide heute gefrühstückt. Unsere Lebensmittel müssen irgendwo wachsen. Dafür ist Kali eingesetzt worden. Kali ist natürlich im Boden enthalten und wird von der Pflanze aufgenommen. Mit der Ernte wird das Kali entzogen und muss durch Dünger ersetzt werden.

Unser Körper braucht Kalium als lebenswichtiges Spurenelement. Es wird nur über die Nahrung zugeführt. Wenn Sie heute schon Wäsche gewaschen haben, war im Waschpulver Kalium enthalten. Ich hoffe nicht, dass Sie heute schon einen Feuerlöscher betätigen mussten. Auch darin ist dieses Pulver. Im Katzen- oder Hundefutter ist Kalium. Auch Glas und Medikamente werden mit Hilfe dieses Stoffes hergestellt. Diese Aufzählung ließe sich mit einer Reihe von Produkten aus der chemischen Industrie fortsetzen.

Bis zu welchem Grad rechtfertigt das Belastungen für Mensch und Umwelt?

Deisenroth: Jede Grundstoffindustrie erzeugt Abfälle. Es ist nunmal das Wesen des Bergbaus, dass Bodenschätze nicht in Reinform vorkommen, sondern mit anderen Stoffen vermischt sind. Ein Gramm Gold erzeugt beispielsweise eine Tonne Abfall. Eine Tonne Kupfer erzeugt 100 Tonnen Abfall. Auch bei der Kaliproduktion fällt Abfall in fester und flüssiger Form an. Stapelbecken und Halden beeinträchtigen optisch die Landschaft. Die Einleitung in die Werra beeinträchtigt die Umwelt auch, wenngleich man das auf den ersten Blick nicht unbedingt sieht.

Würde sich ein Ende des Bergbaus an der Werra eigentlich auf die Rohstoffversorgung unseres Landes auswirken?

Deisenroth: In diesem Fall müsste Kali importiert werden. Wir haben in Deutschland allerdings eine besondere Lagerstätte, die neben Kali auch Kieserit enthält. Diesen doppelten Wertstoff gibt es weltweit nirgendwo sonst. Die hochspezialisierten und wertvollen Dünger – Kaliumsulfat – wären durch Importe nicht zu kompensieren.

Nicht nur Kritiker gehen mit K+S hart ins Gericht, auch die Gewerkschaft hat ihrem Unmut über die Unternehmensführung Luft gemacht. Hat die Konzernspitze die Krise womöglich selbst verschuldet?

Deisenroth: Was die Gewerkschaft angeht: Das halte ich für kontraproduktiv. Wenn wir die Krise überwinden wollen, müssen alle am gleichen Strang ziehen. Ich denke nicht, dass das Unternehmen die Krise selbst verschuldet hat. Dann wäre das Management nicht geeignet. Es wurde und wird viel investiert, um Abfallmengen zu reduzieren. Das zeigt, dass sich das Unternehmen sehr wohl seiner Verantwortung bewusst ist, die Umweltbelastung so gering wie möglich zu halten.

Sehen Sie einen Ausweg aus der Krise? Mit öffentlichen Solidaritätsbekundungen alleine wird es nicht getan sein.

Deisenroth: Kernpunkt ist die Genehmigung der Versenkung, zumindest für die nächsten fünf Jahre. Nach dem Vier-Phasen-Plan soll 2021 die Pipeline zur Oberweser funktionieren. Dann wird in eine viel größere Wassermenge eingeleitet. Die Salzbelastung wäre dann so gering, dass der Fluss fast Süßwasserqualität hätte.

Können Sie einem jungen Menschen in der aktuellen Situation noch guten Gewissens eine Ausbildung bei K+S empfehlen?

Deisenroth: Auf jeden Fall! Wir haben zwar eine Krise, aber in irgendeiner Weise muss sie per Kompromiss gelöst werden. Dann wird die Kaliindustrie für 40 bis 50 Jahre fortbestehen – solange, wie die Vorräte unter Tage noch ausreichen. Eine oder fast zwei Generationen können hier also noch ihr Brot verdienen.

Zur Person

Norbert Deisenroth (81) ist gebürtiger Heringer. Nach dem Abitur in seinem Heimatort studierte er im niedersächsischen Clausthal Bergbau. Danach war er in verschiedenen Positionen im Kalibergbau tätig, zunächst in Niedersachsen, später in Neuhof und zuletzt bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1998 als Direktor des Kaliwerks Wintershall in Heringen. Bis 2012 war Deisenroth zudem Dozent für Geologie an der Fachschule für Wirtschaft und Technik (FWT) in Clausthal-Zellerfeld. Seit 1993 engagiert sich Norbert Deisenroth als Vorsitzender des Förderkreises Werra-Kalibergbau-Museum in Heringen. Deisenroth lebt in Heringen, ist verheiratet, hat drei Kinder und zwei Enkel. Zu seinen Hobbys gehören Geologie, Reisen, Gartenarbeit, Lesen und Wandern.

Mehr zum Thema

Kommentare