Zeitzeugen erinnern sich noch gut an den 19. Juli 1966

Als das Wasser kam: Vor 50 Jahren wurde Rhina überschwemmt

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Erinnern sich noch genau an das Hochwasser in Rhina vor 50 Jahren (von vorn): Lydia Frauenfelder, Angelika Nuhn, Kurt Bolender, Karl-Heinz Becker und Erwin Fischer am Rhinabach, der nach dem Starkregen damals über die Begrenzung trat.

Rhina. Schon in den Tagen zuvor hatte es viel geregnet, immer wieder gewitterte es auch. Als sich dann jedoch plötzlich immer mehr Wasser den Weg von Stärklos nach Rhina bahnte, und der Bach langsam, aber sicher überlief, war niemand vorbereitet auf das, was folgen sollte ...

An den 19. Juli 1966, einen Dienstag, können sich Lydia Frauenfelder, Angelika Nuhn, Kurt Bolender, Karl-Heinz Becker und Erwin Fischer noch gut erinnern.

Vor allem entlang des Rhinabaches, an der Hautpstraße, hinterließ das Wasser eine Schneise der Verwüstung in ihrem Dorf. Wie hoch das Wasser damals stand, zeigt heute noch eine Hinweistafel am Dorfgemeinschaftshaus.

Auf dem landwirtschaftlich genutzten Hof von Erwin Fischer und seiner Familie stürzte unter anderem eine Scheune ein. „Wir hatten die Kühe nach dem Gewitter in den Stall getrieben. Doch dort waren sie später gefangen, das Wasser stieg ihnen wortwörtlich bis zum Hals“, erinnert sich der Rhinaer.

Zwei Kälber ertranken. Einige Tiere wurden regelrecht bis ins nächste Dorf gespült.

Schwein auf dem Sofa

Ein Schwein entdeckte Karl-Heinz Becker auf einem Sofa in der Küche. „Diesen Anblick werde ich nie vergessen, wie das Tier mit seinen Schlappohren da saß“, berichtet er heute schmunzelnd. Seine Familie besaß eine Bäckerei.

„Wir mussten 50 Zentner Mehl wegwerfen, den Betrieb konnten wir erst 14 Tage später wieder aufnehmen“, so Becker. Seine Mutter geriet hinter dem Haus in einen Strudel.

Auch im Lebensmittelgeschäft der Nuhns richtete das Wasser große Schäden an. „Das Schaufenster platzte, und als meine Mutter sich auf den Kassentisch retten wollte, wurde sie von einer Welle erfasst“, erzählt Angelika Nuhn. Eine Cousine sei auf einer ausgehängten Tür gepaddelt.

An einem Haus in der Nähe wurde die komplette Seite zerstört, es bot sich ein freier Blick ins Innere.

Die Höhe der Sachschäden, die das Hochwasser in Rhina vor 50 Jahren angerichtet hat, lässt sich kaum beziffern. Manche Schäden seien von den Versicherungen übernommen worden, auf anderen blieben die Rhinaer sitzen. Der Kreis Hünfeld, zu dem Rhina 1966 noch gehörte, initiierte eine Spendenaktion.

Immerhin: „Gott sei Dank gab es keine Toten oder Verletzten“, sind sich die Zeitzeugen einig, die vor kurzem auch die Haunetaler Grundschüler an ihren Erlebnissen teilhaben ließen.

Erst das Ausmaß der Dinge sahen Lydia Frauenfelder und Kurt Bolender, die am frühen Nachmittag, als das Wasser kam, noch nicht zu Hause gewesen waren. Frauenfelder hatte Fahrschulunterricht, Bolender arbeitete in Fulda. „Ich wollte mit dem Zug heim, kam aber nur bis Hünfeld und musste von dort mit dem Bus weiterfahren, bevor ich mir in Wehrda von meinem Onkel ein Fahrrad lieh“, weiß Bolender noch. „Als ich am frühen Abend eintraf, war das Wasser größtenteils wieder abgeflossen.“

Schaulustige strömten herbei

An den Aufräumarbeiten in den kommenden Tagen beteiligten sich unter anderem die damals in Bad Hersfeld stationierten amerikanischen Soldaten, die mit großen Maschinen anrückten, und der Bundesgrenzschutz. Einige Arbeitgeber gaben ihren Beschäftigten frei, damit diese ebenfalls mit anpacken konnten. Für mehrere Tage funktionierte nur ein Telefon im Ort.

„Nach etwa vier Wochen waren die Hauptschäden beseitigt“, erinnern sich die betroffenen Rhinaer. In einigen Häusern allerdings seien auch zwei, drei Jahre später noch Folgeschäden des Hochwassers entdeckt worden. Autos fingen an zu rosten. „Überall standen Autos“ Doch nicht nur fleißige Helfer bevölkerten den 500-Einwohner-Ort, der damals noch selbstständig war.

Am Wochenende nach dem 19. Juli zog es auch viele Schaulustige aus der Umgebung ins Haunetal. „Überall standen Autos. Das war wie eine Volkswanderung, ein richtiger Katastrophentourismus“, haben die alteingesessenen Rhinaer die Bilder noch vor Augen. Heute kommen die Erinnerungen auch zurück, wenn in den Medien von aktuellen Hochwasserkatastrophen berichtet wird. Denn nicht immer haben die Menschen so viel Glück im Unglück wie vor 50 Jahren in Rhina. (nm)

Ausstellung im DGH:

Eine Ausstellung mit vielen Fotos vom Hochwasser in Rhina vor 50 Jahren hat der Heimatverein im Dorfgemeinschafthaus in Rhina organisiert. Von kommendem Freitag, 22. Juli, bis Freitag, 29. Juli, sind die Bilder jeweils von 13 bis 20 Uhr im DGH zu sehen.

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