Wochenendporträt: Karl Denkel feiert am 28. Dezember seinen 100. Geburtstag

„Der letzte Mohikaner“

Am 28. Dezember 1914 – kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs – wurde Karl Denkel geboren. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er als Soldat, 1983 überlebte er einen schweren Busunfall. Über seinen 100. Geburtstag wundert sich der Senior fast selbst, der jeden Tag die Zeitung liest und immer mit dem Sportteil beginnt. Immerhin sei er früher selbst ein guter Sportler gewesen. Foto: Maaz

Wehrda. Was Karl Denkel in seinem Leben so alles erlebt hat, passt eigentlich auf keine Zeitungsseite. Er selbst hat mit Hilfe seines Sohnes all die schönen, aber auch nicht ganz so schönen Erinnerungen in einem Buch zusammengefasst – auf fast 500 Seiten; 30 Exemplare für die ganze Familie. Dass der rüstige Senior, der seit 2006 bei seiner Tochter und seinem Schwiegersohn in Haunetal-Wehrda lebt, am morgigen Sonntag 100 Jahre alt wird, ist durchaus etwas Besonderes.

Am 28. Dezember 1914 – wenige Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs – wurde Karl Denkel in Mendig in Rheinland-Pfalz geboren. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er als Soldat und wurde gleich mehrfach verwundet. 1983 überlebte er einen schweren Busunfall, bei dem seine Frau schwer verletzt wurde und elf Menschen starben.

Aus der Kirche in den Krieg

An den Tag, an dem er die Nachricht erhielt, in den Krieg ziehen zu müssen, erinnert sich Denkel wie an so viele Erlebnisse der folgenden Jahre noch genau. „Das vergesse ich nicht. Es war der 10. September 1939 und ich kam gerade aus der Kirche“, erzählt der 99-Jährige. Damals hatte er nach dem Abitur bereits sieben Semester katholische Theologie studiert. Seine Brüder wurden ebenfalls eingezogen, einer gilt bis heute als vermisst. Acht Geschwister hatte Denkel, darunter zwei Schwestern, die inzwischen ebenfalls verstorben sind. „Ich bin der letzte Mohikaner“, sagt der 99-Jährige.

In Polen, in Frankreich, Russland und Rumänien war Denkel als Soldat. Mit dem Geld, das er als Offizier verdiente, finanzierte er später sein zweites Studium. Aus dem Lazarett in Wien gelangte Denkel nach Lübeck, wo er bei einer Brieffreundin unterkam. In Kiel studierte er schließlich bis 1950 Französisch, Latein und Griechisch. Er wollte nun Lehrer werden.

Zu diesem Zeitpunkt war Denkel auch bereits mit seiner Frau Agathe verheiratet, die ebenfalls als Lehrerin arbeitete und deren erster Mann im Krieg ums Leben gekommen war. Kennengelernt hatten sich die beiden über einen Kameraden 1940 in Darmstadt. An den frechen Spruch, der ihm damals über die Lippen kam, erinnert sich der Senior ebenfalls noch und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Nach der Verlobung im September 1948 folgte im April 1949 die Hochzeit – und fast genau neun Monate später die erste Tochter. Drei weitere Mädchen und ein Sohn kamen hinzu. „Meine Frau hat immer gesagt: drei müssen, vier können und fünf dürfen“, erinnert sich Denkel. Zahlreiche Fotos von seiner Familie und viele Bücher füllen die Wände, Regale und Tische seines Zimmers. Neun Enkelkinder und fünf Urenkel hat der 99-Jährige, auf die er genauso stolz ist wie auf seine eigenen Kinder.

Im Jahr 1956 zog die Familie nach Morbach (Rheinland-Pfalz), wo Karl Denkel bis 1979 an der Realschule lehrte und es auch zum stellvertretenden Schulleiter brachte. 1962 wurde gebaut. In der Gemeinde war Denkel unter anderem als stellvertretender Ortsvorsteher und Chorleiter tätig, er rief eine Patenschaft mit der französischen Stadt Pont-sur-Yonne ins Leben und gründete die dortige Volkshochschule (VHS), die er bis 1999 leitete. Von der Gemeinde erhielt er für seine Verdienste 1979 die „Große Ehrung“. „In Morbach bin ich bekannt, wie ein bunter Hund“, sagt Denkel lachend.

36 Studienreisen unternahm er in seiner Zeit bei der VHS, von denen ihm eine 1983 eben fast zum Verhängnis wurde. 1998 verstarb Denkels Ehefrau, nur acht Monate später eine Tochter. 2006 holte Tochter Hildegard Denkel-Klähn ihn nach Wehrda, wo er noch mit über 90 Jahren Vorträge über seine Reisen hielt.

Jeden Tag steht Denkel um 9.30 Uhr auf und liest beim Frühstück die Zeitung – beginnend mit dem Sportteil. Überhaupt verbringt der 99-Jährige viel Zeit mit Lesen, aber auch Meditieren und Spaziergänge mit dem Rollator stehen regelmäßig auf dem Programm. Langeweile kennt er nicht. „Der Tag ist immer zu kurz für mich“, sagt Denkel. Sein langes Leben und Weihnachten feiert der Jubilar in Morbach mit der Familie und vielen Weggefährten, denn auch wenn er nie gedacht hätte, so alt zu werden: „Das ist schon etwas, das man feiern muss."

Von Nadine Maaz

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