Am Bahnübergang in Unterhaun betätigt Klaus Wiemert die Schranke noch per Kurbel

Eine echte Rarität

Den Bahnübergang in Unterhaun kennen viele Autofahrer. Was genau die Schrankenwärter in dem kleinen Häuschen tun, wissen aber wohl die wenigsten. Fotos: Maaz

Bad Hersfeld. Ein lautes Summen ertönt und ein rotes Lämpchen leuchtet auf. Für Klaus Wiemert heißt das: Ein Zug nähert sich, er muss die Schranke am Bahnübergang in Unterhaun schließen. Das wird dort sozusagen noch per Hand erledigt, und zwar mit einer Kurbel von 1951. Kurbelt Wiemert im Uhrzeigersinn, schließt sich die Schranke, kurbelt er gegen den Uhrzeigersinn geht sie wieder hoch. 15 Umdrehungen braucht es, hat Wiemert nachgezählt.

Rund um die Uhr besetzt

„Das ist eine echte Rarität“, erklärt Klaus Kemmler, Bezirksleiter Betrieb bei der Deutschen Bahn, die ihr Schienennetz auch anderen Unternehmen zur Verfügung stellt, mit Blick auf die historische Kurbel, die natürlich ständig gewartet wird. Aber auch der Schrankenposten in Unterhaun an sich ist eine Seltenheit und der letzte seiner Art in Ost- und Nordhessen. Denn die Anzahl der sogenannten höhengleichen Kreuzungen ist seit Jahren rückläufig. Stattdessen werden Unter- und Überführungen bevorzugt, davon profitieren sowohl die Autofahrer als auch der Zugverkehr.

Klaus Wiemert ist einer von zwei Männern und vier Frauen, die die Unterhauner Schranke rund um die Uhr im Schichtdienst bedienen. Seit 34 Jahren arbeitet der Dippacher bei der Bahn – auch wenn er in jungen Jahren eigentlich Gärtner werden wollte. Seit 1996 ist der gelernte Eisenbahner im Betriebsdienst mit der Fachrichtung Fahrweg und entsprechender Prüfung als Schrankenwärter im Einsatz. Seit 2009 kurbelt der 50-Jährige in Unterhaun, nachdem auch der Bahnübergang in Hünfeld, wo er zuletzt tätig war, geschlossen wurde.

In dem knapp 20 Quadratmeter großen Bahnhäuschen befindet sich neben einem Toilettenraum, einem Schreibtisch, einem Regal mit Ordnern und eben als wichtigsten Arbeitsgeräten der Kurbel und der Sperrmeldeanlage, über die die „akustische und optische Anforderung“ eingeht, auch eine Mikrowelle.

Mit bis zu 150 Kilometern pro Stunde fahren täglich bis zu 300 Züge durch Unterhaun. Etwa zwei Drittel davon sind Güterzüge. „Die Nord-Süd-Strecke zwischen Göttingen und Frankfurt ist ein wichtiger Korridor“, erläutert Kemmler.

Wieviele Autos den Bahnübergang in Unterhaun täglich passieren, wissen Wiemert und seine Kollegen nicht. Viele Autos und Fahrer erkennen sie aber wieder. „Manche schimpfen oder hupen, wenn sie warten müssen“, so Wiemert. „Dabei können wir ja auch nichts dafür“, schiebt er fast entschuldigend hinterher. Das komme durchaus öfter vor, gerade wenn einmal mehrere Züge kurz hintereinander fahren und die Schranke deshalb länger geschlossen bleibt.

Alle Arbeitsschritte und das Verhalten im Notfall sind ganz genau festgelegt. „Die Bahn ist nicht umsonst das sicherste Verkehrsmittel“, sagt Klaus Kemmler. Sollte trotz geschlossener Schranken einmal jemand die Gleise betreten oder befahren, stehen Wiemert mehrere Möglichkeiten zu reagieren zur Verfügung. Über ein Funkgerät könnte er den Lokführer zum Halten auffordern, an der Sperrmeldeanlage gibt es zudem eine Gefahrenhalttaste.

Dass er bei der Arbeit ständig allein ist, stört Klaus Wiemert nicht. „Ich habe mich daran gewöhnt“, sagt der 50-Jährige. Außerdem erfordert der Einsatz als Schrankenwärter natürlich absolute Konzentration. Besuch ist im Schrankenhäuschen deshalb strengstens untersagt. Aber vielleicht hat der eine oder andere Autofahrer je demnächst mal ein Lächeln für Wiemert und seine Kollegen übrig, wenn er warten muss.

Von Nadine Maaz

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