Montagsinterview: Der „Grenzgänger“ Friedrich Krauser geht in den Ruhestand

Blick über den Tellerrand

Abschied vom Wartburgkreis: Fast die Hälfte seines Berufslebens hat der „Grenzgänger“ Friedrich Krauser in Thüringen verbracht. Foto: Struthoff

Bad Salzungen/Haunetal. Am Freitag geht Friedrich Krauser, der 1. Beigeordnete des Wartburgkreises und langjährige Bürgermeister von Haunetal, nach 46 Berufsjahren in den Ruhestand. Kai A. Struthoff sprach mit ihm über sein Leben als Grenzgänger.

Herr Krauser, wenn Sie am Freitag in den Ruhestand gehen, dann haben Sie fast die Hälfte Ihres Berufslebens in Thüringen verbracht. Wo ist es denn schöner – hüben oder drüben?

Friedrich Krauser: Ich habe es eigentlich immer am schönsten empfunden und am liebsten dort gearbeitet, wo ich gerade war. Als ich 1993 nach Eisenach gekommen bin, hatte ich allerdings schon Respekt und Zweifel, ob ich das richtig gemacht habe. Der Berg an Arbeit erschien einfach so riesig. Dass wir heute hier tatsächlich vielerorts blühende Landschaften haben, erscheint mir immer noch wie ein kleines Wunder.

Wo waren Sie mit Ihrer Arbeit besonders erfolgreich?

Krauser: Ich war, glaube ich, in allen Berufen, in denen ich gearbeitet habe, recht erfolgreich. Ob als Handwerker, als Tourismusförderer in Bad Hersfeld oder als Bürgermeister in Haunetal. Hier in Thüringen hatte ich die Chance, am Aufbau eines Gemeinwesens mitzuwirken. Das erforderte im Hinblick auf die Ausgangssituation schnelles und konsequentes Handeln – stets mit Blick auf die Menschen und deren Bedürfnisse. Unser Landkreis ist einer, dessen Infrastruktur vorzeigbar ist, der den Bewohnern sichere Arbeitsplätze bietet, eine gute Wohnqualität verspricht und als einer der wenigen in Deutschland keine Schulden hat. Darauf bin ich schon sehr stolz.

Und womit sind Sie nicht zufrieden?

Krauser: Man nimmt sich immer mehr vor, als man schafft. Ich sehe vermutlich eher die noch fehlenden Straßen und Radwegestrecken als die bereits neu gebauten, anderen fällt das nicht auf. Ich sollte mich wohl mehr über das Erreichte freuen, aber der Wartburgkreis wird auch künftig investieren, da bin ich zuversichtlich.

Sie sind ein Grenzgänger geblieben und pendeln zwischen Haunetal und Bad Salzungen. Ist das Verhältnis zwischen beiden Kreisen inzwischen normal-nachbarschaftlich, oder gibt es die Mauer in den Köpfen noch?

Krauser: Die Mauer in den Köpfen stirbt mit den Menschen aus, die sie dort noch drin haben. Die Jugendlichen gehen damit viel lockerer um als Ältere, die eben diesen Bruch in ihrem Leben erfahren haben, ihre Arbeit verloren haben oder bei denen Familien auseinandergerissen wurden. Vieles davon können die Menschen im Westen gar nicht nachvollziehen. Das hessisch-thüringische Grenzgebiet hatte vom Mauerfall aber nur Vorteile, und deshalb stört die Vergangenheit, wenn überhaupt, nur noch unterschwellig. Die gute Nachbarschaft überwiegt. Die Wartburgregion jedenfalls ist in Thüringen wirtschaftlich ein Vorzeigestandort.

Sie sind Jahrgang 1950, haben die Nachkriegszeit, die 68er-Zeit, Teilung und Einheit bewusst erlebt. Braucht es solche Erlebnisse, um sich politisch so einzubringen, wie Sie es getan haben?

Krauser: Die Erfahrungen sind sicher prägend. Vor allem aber braucht man eine positive Grundeinstellung zu den Menschen. Hat man die nicht, sollte man nicht politisch aktiv werden. Wenn man die täglichen Enttäuschungen nicht verarbeiten kann, ist man nicht leistungsfähig. Außerdem muss man den Blick stets über den Tellerrand richten. Deshalb beobachte ich immer genau die Landes-, Bundes- und Europapolitik. Denn das alles hat Auswirkungen auch auf uns hier vor Ort.

Viele Kommunalpolitiker beklagen, dass ihnen wegen der schlechten Finanzausstattung kaum noch Gestaltungsspielräume bleiben. Würden Sie vor diesem Hintergrund heute noch mal in die Politik gehen?

Krauser: Ich würde nichts anders machen. Aber ich glaube auch nicht, dass die Gestaltungsspielräume jemals größer waren. Wir hatten auch früher nicht mehr Geld. In Hessen haben wir allerdings einen großen Fehler gemacht und haben den Zwang zum kommunalen Haushaltsausgleich abgeschafft, Ausgaben zu oft ohne Not mit Krediten finanziert. Das einmal verfrühstückte Geld kommt aber nicht wieder. Dieser Fehler wurde in Thüringen weitgehend vermieden, Haushalte müssen ausgeglichen sein – ein gutes Erziehungsmittel. Wenn es keine Katastrophen gibt, muss ein Landkreis keine Schulden aufnehmen, denn die muss die Allgemeinheit zurückzahlen. Texte Unten

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