Volker Bausch zur Grenzöffnung

Montagsinterview mit dem Direktor der Point Alpha Stiftung: „Zäune reißen Wunden“

„Zäune reißen Wunden“, sagt Volker Bausch, der Direktor der Point Alpha Stiftung. Unser Foto entstand vor dem Zaun um das frühere US-Camp Point Alpha in Rasdorf, einem der heißesten Orte des kalten Krieges. Foto: Struthoff

Rasdorf. Heute vor 26 Jahren fiel die Berliner Mauer. Kurz darauf wurden auch in unserer Region die Grenzzäune abgebaut. Ein Vierteljahrhundert später aber werden im eigentlich vereinten Europa neue Grenzzäune errichtet. Darüber sprach Kai A. Struthoff mit Volker Bausch, dem Direktor der Gedenkstätte Point Alpha.

Wir haben im vergangenen Jahr 25 Jahre Mauerfall und dieses Jahr 25 Jahre Einheit gefeiert. War’s das mit der Erinnerung an die deutsche Teilung? 

Volker Bausch: Natürlich war in den Jahren 2014 und 2015 das mediale Interesse besonders groß gewesen. Es gab ja auch viele Gedenkveranstaltungen. Aber wir dürfen jetzt nicht zur Routine übergehen. Wir müssen weiter erklären, weshalb es diese Grenze gab, und was sie mit den Menschen gemacht hat.

Die Mauer ist jetzt fast so lange weg, wie sie Deutschland geteilt hat. Ist so ein zeitlich begrenztes Phänomen irgendwann überholt? 

Bausch: Die Mauer wird etwas verblassen, aber die Erinnerung an die Teilung muss wach bleiben, denn sie hat bis heute Konsequenzen, die noch nicht überwunden sind. Die Aufarbeitung erfordert es, sich mit der Geschichte und den Mechanismen eines solchen Unrechtsstaates auseinanderzusetzen.

Manche Zeitzeugen erinnert die Situation nach der Wende an den heutigen Flüchtlingszustrom. Ist ein solcher Vergleich zulässig? 

Bausch: In der Herausforderung war die damalige Situation durchaus vergleichbar. Genauso wie übrigens auch die Zeit nach 1945 als viele Millionen Flüchtlinge aus den Ostgebieten in den Westen kamen und dort durchaus nicht überall willkommen waren. Der damalige Hessische Innenminister hat 1947 sogar gefordert, man solle die „illegale Zuwanderung unterbinden“, weil kein Platz mehr ist. Die Schwierigkeiten mit der Integration, die sich heute aus sprachlichen, kulturellen und religiösen Gründen ergeben, sind aber natürlich andere als damals.

Die Politik scheint momentan etwas überfordert zu sein. Was können wir aus den damaligen Erfahrungen lernen? 

Bausch: Dass man auch in Krisensituationen mit nüchternem Verstand die nächsten Schritte planen muss, ohne dass es zu emotionalen Handlungen oder Auseinandersetzungen kommt. Heute wird zu vieles schnell skandalisiert und hochgeputscht. Dabei war die heutige Situation doch absehbar - beispielsweise die Entwicklung in Syrien und wie sich der Westen dort militärisch und politisch verhalten, oder besser nicht verhalten hat. Jetzt erleben wir die Konsequenzen daraus - und daran wird auch ein Zaun nichts ändern.

Wir feiern in Deutschland den Fall von Mauern und Zäunen vor 26 Jahren. Point Alpha erinnert an den Wahnsinn des Mauer- und Zaunbauens. Wie empfinden Sie die gegenwärtige Situation in Europa, wo neue Zäune gebaut werden? 

Bausch: Es gibt ja eine ganze Reihe von derartigen Zäunen in der Welt, etwa zwischen den USA und Mexiko oder in Palästina. Aber der Zaun der hier stand war einzigartig, weil er Menschen daran hinderte, ihr Land zu verlassen. Die anderen Zäune aber sollen verhindern, dass Menschen reinkommen. Doch das ändert nichts daran, dass Zäune eine Wunde reißen und verletzen. Ich finde, es ist eine Schande, dass Europa im Jahr 2015 keine andere Antwort findet, als Zäune zu bauen. Es stimmt mich traurig, dass unsere Staatengemeinschaft es nicht schafft, auf der Basis unserer gemeinsamen Werte eine vernünftige Lösung auszuhandeln.

Point Alpha hatte mit den 25-Jahr-Feiern einen historischen Höhepunkt. Mit welchen Projekten geht es hier jetzt weiter? 

Bausch: Wir haben gerade den dritten Band der Point Alpha Schriftenreihe herausgegeben, der sich mit der lokalen Grenzgeschichte und Geschichten zwischen 1945 und 1990 befasst. Außerdem wollen wir unsere Aktivitäten auch etwas mehr in den Hersfelder Raum ausweiten. Dazu soll eine neue Ausstellung im US-Camp entstehen. Wir wollen beleuchten, wie die amerikanischen Soldaten, die in Fulda, Frankfurt und eben auch in Bad Hersfeld gelebt haben und das deutsch-amerikanische Verhältnis geprägt haben. Dabei soll es auch um die privaten Beziehungen gehen, die entstanden sind. Die Ausstellung soll „Everyday Life - Leben im Schatten des Kalten Krieges“ heißen.

Auch 26 Jahre nach dem Fall der Mauer lohnt sich der Besuch auf Point Alpha? 

Bausch: Auf jeden Fall, denn das Thema des zivilen und militärischen Zusammenlebens von Deutschen und Amerikanern hat bislang noch kein anderes Museum problematisiert. Wir haben damit ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Außerdem werden wir im kommenden Jahr den Wiesenfelder DDR-Wachturm in der Thüringischen Rhön mit Hilfe des Fördervereins Point Alpha begehbar machen und als weiteres Element zur Ausstellung hinzufügen.

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