Reitsport-Urgestein Willi Hieb kommt auch mit 90 Jahren nicht ohne Turnierluft aus

Die Pferde sind sein Leben

Ein Urgestein des Pferdesports: Gemeinsam mit Ralf Litz (rechts) und Amke Stromann ist der 90-jährige Willi Hieb an fast jedem Wochenende auf Reitturnieren unterwegs. Seit dem vergangenen Jahr wohnt Hieb, der 60 Jahre lang in Bad Hersfeld lebte, im Wohnhaus der Reitanlage des Eiterfelder Turnier- und Aufzuchtstalls. Foto: Eisenberg

Eiterfeld. „Schon als Kind war ich ein richtiger Pferdenarr“, betont Willi Hieb lachend. Vor wenigen Tagen hat das Urgestein des Pferdesports seinen 90. Geburtstag gefeiert. Er hat sich die Begeisterung für die edlen Vierbeiner bis heute bewahrt.

Willi Hieb, der in Reiterkreisen nur „Onkel Willi“ genannt wird, ist nahe Odessa in der heutigen Ukraine als Sohn eines Bauern aufgewachsen. Bei einem Nachbarn lernte er den Beruf des Schuhmachers. „Ich habe mehrfach Pech und Glück zugleich gehabt“, erzählt der 90-Jährige: Drei Tage vor Kriegsende sei er verwundet worden, durfte dadurch aber die russische Kriegsgefangenschaft früher verlassen. Hieb strandete eher zufällig in Bad Hersfeld. Dort stellte er, erst für sich, dann auch für andere, Reitstiefel her. „Mein erstes Paar habe ich mir aufgehoben“, sagt er und zieht hinter seinem Sofa Stiefel hervor, deren Schäfte glänzen, als kämen sich frisch aus dem Reitsportgeschäft.

Pferd erstmal satt gefüttert

Aus einem Album kramt der 90-Jährige ein Foto seines Schimmels Arrak, das bei einem Turnier in Mansbach im Jahr 1957 aufgenommen wurde. „Mit diesem Pferd habe ich mir meinen Namen gemacht. Ansonsten wäre ich wohl ein kleiner Schuster geblieben“. Hieb hatte das als unreitbar geltende und abgemagerte Tier gekauft, „erstmal satt gefüttert“ und Vertrauen aufgebaut. Wenig später überwand er mit ihm beim Mächtigkeitsspringen die Marke von 2,33 Metern. Der Schimmel mit einem Stockmaß von 1,88 Metern war nicht das einzige „Problempferd“, das Willi Hieb erstand und in den großen Sport brachte. So sei er „für billig Geld“ an gute Pferde gekommen. Die seien in der Region damals kaum erschwinglich gewesen. „Aber der Willi Hieb hat sie gehabt“, berichtet er mit leuchtenden Augen.

Seine Turnier-Karriere hat Hieb, der eine Reitanlage auf dem heutigen Strabag-Gelände an der Bad Hersfelder Autobahnpolizei aufgebaut hatte und 16 Jahre lang in Philippsthal Springunterricht gab, mit 60 Jahren beendet.

Vor zehn Jahren, kurz nach dem Tod seiner zweiten Frau, hat er sich einen Lebenstraum erfüllt und einen Gutshof bei Berlin gekauft. Dieser Traum ist mittlerweile ausgeträumt. Seit dem vergangenen Jahr lebt Hieb, der selbst keine leiblichen Kinder hat, im Gestüt seines ehemaligen Reitschülers Ralf Litz in Eiterfeld. Noch immer gehören ihm zwei Pferde. „Die führe ich aber nicht mehr selbst. Ich will nicht den Helden spielen“, meint er.

Mit seinem kleinen Traktor und Hündin Lotta auf dem Kotflügel zieht er aber regelmäßig den Reitplatz glatt. Und ist oft mit dabei, wenn Litz und dessen Lebensgefährtin Amke Stromann aufs Turnier fahren. Geht es nach Hieb, soll das noch eine Weile so bleiben: „Für meinen 100. Geburtstag überdachen wir den Reitplatz. Oder sogar den Marktplatz“, scherzt er. Nicht nur die Begeisterung für Pferde, auch seinen Humor hat sich der 90-Jährige bewahrt.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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