TV-Experiment in der ARD stößt Diskurs an

Ferdinand von Schirach: "Für mich ist es ganz falsch, Leben gegen Leben abzuwiegen“

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Der ehemalige Strafverteidiger Ferdinand von Schirach hätte das Flugzeug nicht abgeschossen.

Berlin - Gut 87 Prozent der Deutschen stimmten dafür, den Piloten in dem TV-Experiment „Terror - Ihr Urteil“ freizusprechen. Der Autor der Geschichte Ferdinand von Schirach hätte anders entschieden.

Die Handlung des interaktiven ARD-Fernsehfilms „Terror - Ihr Urteil“ spaltet die Geister. Die Zuschauer durften das Urteil über den fiktiven Piloten Lars Koch (gespielt von Florian David Fitz) fällen, der eine Passagiermaschine mit 164 Menschen abschoss um 70.000 Menschen vor einem Terroranschlag in der Allianz-Arena in München zu retten. Das Votum der Deutschen sprach eine deutliche Sprache: 87 Prozent stimmten für den Freispruch, nur 13 Prozent waren dafür, den Piloten der Bundeswehr für schuldig zu befinden. Ähnlich sah es bei Zuschauern in der Schweiz und Österreich aus, die ebenfalls über das Ende des Films abstimmen durften. Bei der Expertenrunde, die bei Talkmaster Frank Plasberg zu sehen war, diskutiere mitunter recht emotional darüber, ob die fiktive Figur Lars Koch richtig gehandelt hat. Ob man ein Menschenleben gegen das andere aufwiegen darf.  Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung plädierte auf unschuldig. Der Politiker (FDP) und Rechtsanwalt Gerhart Baum plädierte für eine Verurteilung wegen Mordes. Theologin Petra Bahr tendierte ebenfalls für schuldig, gab jedoch zu bedenken: „Es gibt nur eine Entscheidung zwischen falsch und falscher.“

Schirach hätte das Flugzeug nicht abgeschossen

Nun meldet sich auch Ferdinand von Schirach - der Autor des Theaterstücks, das 2015 am Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt wurde -  zu Wort. Der „Bild Zeitung“ teilt er in einem Interview mit, wie er sich im Falle Lars Koch entschieden hätte. Ferdinand von Schirach kennt sich als ehemaliger Strafverteidiger mit dem Deutschen Recht aus. Sein Urteil ist aus diesem Gesichtspunkt heraus klar: "Für mich ist es ganz falsch, Leben gegen Leben abzuwiegen, auch bei großen Zahlen.“ Zwar haben es Helden an sich, dass sie Opfer bringen müssen um Menschen zu retten. Das würde in diesem Fall bedeuten: „Abschuss und anschließend lebenslänglich ins Gefängnis.“  Er selbst hätte das Flugzeug nicht abgeschossen um den Terroranschlag zu verhindern. "Wenn Sie mich persönlich fragen: Ich bin sicher kein solcher Held.“

„Die Moral des Einzelnen ist wechselhaft“

Das Gesetz und die Verfassung müssen nach Schirachs Überzeugung die Richtlinie sein. Kein Einzelner habe das Recht über das Leben von anderen zu entscheiden. Es gäbe zwar eine höhere Moral „aber es ist falsch, ihr zu folgen“, sagt der ehemalige Strafverteidiger der „Bild“: „Die Moral des Einzelnen ist wechselhaft und schwankend, sie ist unklar." Die Gesellschaft müsse sich klar darüber sein, in welcher Gesellschaft sie leben will und welche Werte bestand haben sollen - trotz der Gefahr des Terrors. „Wir müssen uns also darüber klar werden, was passiert, wenn wir bei der Bekämpfung des Terrorismus rechtsstaatliche Prinzipien aufweichen oder missachten. Diese Fragen stellt der Film.“

Würde der Pilot vor einem deutschen Gericht stehen, würde er nach Schirach wahrscheinlich schuldig gesprochen. Es wäre jedoch möglich, dass der Bundespräsident den Piloten nach einigen Jahren begnadigt. Positiv sei laut Schirach derDiskurs, den das TV-Experiment in der Gesellschaft angestoßen hat. "Die Sendung ist eine Anregung, über unseren Staat und unser Recht zu diskutieren.“ Das schadet der Demokratie nicht, das stärkt sie. 

maw

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