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Autismus hat viele Formen

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Das Spektrum der Störungen ist groß - In manchen Fällen erfolgt die Diagnose erst im Jugendalter

In sich gekehrt: Wenn Kinder sich abkapseln und nicht mit anderen Kindern spielen, kann das ein Anzeichen einer autistischen Störung sein.

© Archivbild: dpa

In sich gekehrt: Wenn Kinder sich abkapseln und nicht mit anderen Kindern spielen, kann das ein Anzeichen einer autistischen Störung sein.

Unser Sohn besucht derzeit die neunte Klasse. Er fühlt sich gerade besonders überfordert durch den Schulstress, zieht sich zurück und ist sehr niedergeschlagen. Weil er auch früher häufig verschiedene Schwierigkeiten hatte, äußerte der Kinderarzt nun den Verdacht, dass unser Sohn eine autistische Störung haben könnte. Kann es sein, dass man so etwas erst so spät feststellen würde? Und was bedeutet das? Diese Frage erreichte uns von einer Mutter aus Kassel.

Es ist keine Seltenheit, dass eine solche Diagnose erst relativ spät, im Jugend- oder Erwachsenenalter, gestellt wird, sagt Dr. Günter Paul, Facharzt für Kinderheilkunde und Kinder- und Jugendpsychiatrie. Anlässe sind häufig Schwellensituationen wie Veränderungen, neue Herausforderungen oder Prüfungssituationen, die Menschen mit autistischen Störungen wegen ihrer Beeinträchtigung nicht bewältigen können.

Man geht davon aus, dass die Möglichkeit, eine autistische Störung zu entwickeln, genetisch weitergegeben wird. Die Art und Schwere der Beeinträchtigung beziehungsweise Behinderung kann sehr unterschiedlich sein: Schwerer betroffen sind Patienten mit einem frühkindlichen Autismus, der bereits im Säuglings- und Kleinkindalter auftritt. Diese Kinder sind in ihrer intellektuellen Begabung häufig eingeschränkt, zum Teil auch schwer geistig behindert.

Motorisch ungeschickt

Ein atypischer Autismus hingegen tritt erst nach dem dritten Lebensjahr auf. Eine weitere Form, die mitunter erst im Jugend- oder sogar Erwachsenenalter festgestellt wird, ist das sogenannte Asperger-Syndrom. Hier fallen Betroffene unter anderem durch motorische Ungeschicklichkeit auf.

Mehr oder weniger ausgeprägt sei bei allen Formen die gestörte soziale Interaktion, erläutert der Facharzt. Dabei sei das Spektrum groß: Manche Patienten seien völlig in sich verschlossen und abgekapselt, andere seien nicht zu Blickkontakt fähig und reagierten nicht auf Blicke oder Mimik. Besser gehe es den Menschen mit Asperger-Autismus: Hier stünden eine gestörte Kommunikation und vor allem soziale Interaktion im Vordergrund.

Frühkindlicher Autismus hingegen äußert sich oft durch stereotype, zwanghafte Handlungen und Rituale. So befassen sich manche Betroffene zum Beispiel intensiv und ausschließlich mit Lichtquellen. „Autismus ist eine sehr beeindruckende Störung“, hat Paul bei der Begegnung mit vielen Patienten erfahren. Gerade Asperger-Autisten können hochintelligent sein und spezielle Begabungen entwickeln. Paul: „Es gibt einige autistische Menschen, die es schaffen zu studieren und denen es gelingt, sich beruflich in bestimmten Nischenbereichen zu integrieren und ein weitgehend normales Leben zu führen.“

Diagnose Autismus

Autismus geht auf eine Störung in der zentralen Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung im Gehirn zurück. Als Hauptursache dieser chronischen und unheilbaren Störung werden genetische Faktoren angenommen. Man schätzt, dass in Deutschland auf 10 000 Einwohner 10 bis 20 Menschen mit Autismus kommen. In Nordhessen leben 1000 bis 2000 Menschen mit dieser Diagnose, allerdings gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer aus.

„Die Diagnose Autismus hat sich in den vergangenen 30 Jahren verfünffacht“, sagt Dr. Günter Paul, der fast 20 Jahre lang die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Kassel leitete. Der Grund: Heute habe man bessere Kenntnisse über diese Störung, und so hätten sich auch die diagnostischen Kriterien verändert. Für eine Zunahme der Erkrankung gebe es indes keine Belege.

Von Martina Heise-Thonicke

Quelle: HNA Online

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