Zwischen den Zeilen: Hexenjagden, Hohlköpfe und ein stolzer Papa

Kai A. Struthoff

Die Hexenjagd hat begonnen – und das ausgerechnet an einem schwarzen Tag für Europa. Der Brexit unserer englischen Nachbarn zeigt, wie aktuell das Festspiel-Premierenstück auch im angeblich aufgeklärten Europa des 21. Jahrhunderts ist. Diffuse Ängste und Feindbilder bestimmen immer noch viel zu oft unser Denken. Für viele Briten heißt der Dämon heute leider Europa, und die Hexen tragen Namen von europäischen Politikern. An dem noch verhältnismäßig jungen Kontakt zu unseren britischen Freunden in Malmesbury wird die neue politische Lage hoffentlich nichts ändern – denn wir haben sie als überzeugte Europäer kennengelernt.

Eine Hexenjagd wird der Bürgermeisterwahlkampf in Bad Hersfeld hoffentlich nicht werden. Doch schon eine Woche nachdem Thomas Fehling und Karsten Vollmar offiziell ihre Kandidatur klar gemacht haben, prallen die Kontrahenten mit Vehemenz aufeinander. Bei Facebook bezeichnet Fehling den örtlichen DGB als „Wahlverein der SPD“, nur weil sich Vollmar mit den Gewerkschaftern getroffen hat. Dessen Gefolgsleute schießen zurück und kritisieren, dass sich Fehling nie mit der Gewerkschaft getroffen habe. Zwei Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber. Mal sehen, wie das weiter geht.

So ganz einig scheint sich allerdings die SPD intern auch nicht zu sein. Während Kandidat Vollmar Fehlings Lieblings-Baby „Smart-City“ (zu deutsch: die dank Computer-Technik kluge Stadt), nicht „verdammen“ will, keilte sein Parteifreund Handke ordentlich aus. Der ehemalige Kulturausschuss-Vorsitzende, der offenbar ein wenig die mediale Aufmerksamkeit vermisst, schickte eine etwas verschwurbelte Presseerklärung, die auch nicht mit dem Stadtverband abgestimmt war, in der er die „technokratische und zukunftsgläubig Digitalisierungsindustrie“ kritisierte und um den Datenschutz fürchtet. Da hat wohl einer seinen Orwell gelesen. Skepsis mag angebracht sein, dennoch sollten wir uns dem Fortschritt nicht verschließen.

Eine Hexenjagd der anderen Art musste leider der sympathische Festspielstar und Tatort-Kommissar Richy Müller erleben. Dem leidenschaftlichen Porschefahrer wurde hier in Bad Hersfeld sein schicker, orangefarbener Flitzer von Vandalen mutwillig zerkratzt. Auch einem anderen Porschefahrer im Ensemble ist es so ergangen. Vermutlich können irgendwelche Neidhammel nicht verknusen, dass erfolgreiche Künstler auch tolle Autos haben. Vielleicht waren es ja die selben Hohlköpfe, die die Kunstwerke an den Nordschulteichen zerstört haben. Solche Typen sind eine Schande für unsere schöne Stadt, aber – Lullus sei Dank! – sind sie auch eine ganz kleine Minderheit.

Für mich sind die vergangenen Wochen eine ziemliche atemlose Zeit gewesen. Genau wie viele andere Eltern in der Region habe ich mit meinem mittleren Sohn erst um das Abi gezittert und mich dann mit ihm – ganz stolzer Papa – über den Erfolg gefreut. Die Krönung der Abiturfeier war die kluge Rede von Staatsminister Michael Roth, der den jungen Leuten deutlich sagte, dass auch Politiker nicht auf alle Fragen sofort eine Antwort haben – vor allem keine einfachen.

Beim heutigen Abi-Ball werden Hexenjagden, Brexit und ähnlich ernste Themen vermutlich keine Rolle spielen. Zu recht. Jetzt wird gefeiert. Den Abiturienten steht nun die Welt offen, und ein wenig beneide ich die jungen Leute um die vielen Möglichkeiten, die sich ihnen nun bieten. Wer genau hinsieht, sich auf Neues einlässt, der hat keine Vorurteile und diffusen Ängste.

Weltoffenheit, Neugier und Toleranz sind die beste Medizin gegen selbsternannte Hexenjäger.

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