Bad Hersfelder Festspiele: Heute Premiere für Kleists „Der zerbrochne Krug“

Ein zweiter Sündenfall

Muss über seine eigene Tat richten: Dorfrichter Adam (Stephan Schad/vorne). Das Foto zeigt eine Szene mit (von links) Wilhelm Sandmann, Nikolaus Kinsky sowie Laura und Lisa Quarg. Foto: Klaus Lefebvre

Bad Hersfeld. Den Erfolg seiner Werke hat Heinrich von Kleist selbst nicht erlebt. Im Jahr 1811 beendete er sein von zahlreichen Brüchen geprägtes Leben zwischen Militär- und Staatsdienst, abgebrochenen Studien, Haft und erfolgloser Autorentätigkeit mit dem Freitod.

Die Uraufführung seines Lustspiels „Der zerbrochne Krug“ 1808 im Weimarer Hoftheater bildete da keine Ausnahme und geriet zum Flopp, was heute der Aufteilung des Einakters in drei Akte durch Goethe zugeschrieben wird. Der Erfolg setzte erst ein Jahrzehnt später ein. Mittlerweile gilt der „Krug“ als eines der bekanntesten Werke des 1777 in Frankfurt/Oder geborenen Autors. Heute feiert es in der Inszenierung des Ex-Intendanten Holk Freytag Premiere auf der Bühne der Stiftsruine.

Es läuft wahrlich nicht gut für Adam, den Dorfrichter in Huisum in der Niederländischen Provinz Flandern: Er hat sich schwere Verletzungen zugezogen und seine Perücke ist unauffindbar. Als ob das nicht genügen würde, trifft ausgerechnet an diesem Tag der Gerichtsrat Walter zu einem Kontrollbesuch ein. Und in der Gerichtsstube wartet schon Klägerin Marthe Rull, die Ruprecht Tümpel, den Verlobten ihrer Tochter Eve bezichtigt, ihren Krug zerbrochen zu haben. In Wirklichkeit geht es um weit mehr als diese Lapalie. Denn offenbar war ein nächtlicher Besucher der schönen Tochter der Täter – und der Krug nicht das einzige, was in dieser Nacht zerbrach. Keiner weiß das besser als Adam – schließlich war er selbst der mysteriöse Unbekannte und muss jetzt über seine eigene Tat richten. Dabei versucht er nach Kräften, letztendlich aber erfolglos, den Verdacht auf andere zu lenken.

Die Namen Adam und Eve sind wohl nicht zufällig gewählt: In der Literaturwissenschaft gilt der zerbrochne Krug als ein zweiter Sündenfall. Ob neben Adam auch Eve gesündigt hat, lässt Kleist in seiner Vorlage offen.

Regisseur Holk Freytag hat zum Krug ein besonderes Verhältnis – ist es doch das wohl einzige Stück, das in seiner niederrheinischen Heimat spielt. Beim Personal greift er auf bewährte Schauspieler aus der Zeit seiner Intendanz zurück, darunter Hersfeldpreisträger Stephan Schad als Dorfrichter Adam, Marie Therese Futterknecht als Marthe Rull, Andrea Cleven als Eve und Viola von der Burg als Frau Brigitte.

Freytag siedelt das Stück in Kleists Lebenszeit an. Der Bezug zur Gegenwart soll dennoch gegeben sein. Die eigentlich männliche Rolle des Gerichtsrats Walter etwa ist mit Fernsehschauspielerin Nina Petri besetzt, um den Konflikt zuzuspitzen und auf die aktuelle Debatte um Frauen in Führungspositionen zu verweisen. Ob dieses Vorhaben ein Erfolg wird oder nicht – davon können sich die Zuschauer ab heute in der Stiftsruine überzeugen.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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