Holk Freytag gab im Altenzentrum Hospital Ausblicke auf den „zerbrochnen Krug“

Der zweite Sündenfall

Gut besucht: Regisseur Holk Freytag (rechts) gab erste Ausblicke auf seine Inszenierung des zerbrochnen Kruges. Foto: Eisenberg

Bad Hersfeld. Helgo Hahn und seine Mitstreiter von der Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine mussten kurzfristig alle verfügbaren Stühle heranschleppen, so groß war der Andrang des Publikums. Regisseur und Ex-Festspielintendant Holk Freytag berichtete am Mittwochabend im Wigbert-Saal des Altenzentrums Hospital über Hintergründe und Entstehung von Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ und gab erste Einblicke in seinen Inszenierungsansatz.

Zu Autor und Werk, verdeutlichete Freytag, habe er eine persönliche Beziehung: Unter anderem, weil der zerbrochne Krug das wohl einzige Stück sei, welches in Freytags Heimat spiele. Die Menschen dort und damit auch die Protagonisten des Stücks entsprechen nach Ansicht des Regisseurs dem Bild, das der Kabarettist Hans-Dieter Hüsch vom typischen Niederrheiner skizziert habe: Er weiß nichts, kann alles erklären und kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste.

Kleist selbst charakterisierte Freytag als notorisch unglücklich. Aus gutem Hause stammend, sei sein Leben, das sich zwischen Militär- und Staatsdienst, abgebrochenen Studien, Haft und zumindest bei den Bühnenwerken zu Lebzeiten erfolgloser Autorentätigkeit abspielte, immer wieder von großen Brüchen gekennzeichnet gewesen. Am Ende stand 1811 Kleists Freitod.

Mit dem zerbrochnen Krug habe Kleist einen zweiten Sündenfall geschaffen. Der Dorfrichter Adam trage seinen Namen nicht zufällig. Auch er werde aus dem Paradies, nämlich seinem Richteramt, vertrieben. Sein Gegenpart heißt Eve „und müsste demnach auch gesündigt haben“, verdeutlichte Freytag. Kleist lasse die Frage, ob beim nächtlichen Besuch des Richters mehr zerbrochen sei, als nur der Krug, offen.

Den Richter Adam hat Freytag deshalb mit Hersfeldpreisträger Stephan Schad besetzt. „Er ist Mitte 40, sieht gut aus und hat Kraft. Dass ist spannender, als ein alter Mann, der ohnehin keine Chance bei Eve hätte“. Den Gerichtsrat spielt Nina Petri. Dadurch werde der Konflikt noch verschärft. „Noch heute bricht für manchen eine Welt zusammen, wenn eine Frau in den Aufsichtsrat kommt“, meint Freytag. Dennoch soll das Stück nicht in der Gegenwart, sondern während Kleists Lebenszeit angesiedelt sein. In den übrigen Rollen agieren alte Bekannte: Andrea Cleven und Markus Gerthken, Marie-Therese Futterknecht, Hans-Christian Seeger, Nikolaus Kinsky, Viola von der Burg, Wilhelm Sandmann sowie die Zwillingsschwestern Laura und Lisa Quarg.

Um die Mentalität zu verdeutlichen, soll der Festspielinszenierung ein Vorspiel vorangestellt werden. Vehement kämpft Freytag nach eigenem Bekunden dafür, dass der Titel „Der zerbrochne“ und nicht „der zerbrochene Krug“ lautet. Das zweite „e“ habe erst Goethe bei der Aufführung in Weimar eingefügt.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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