Offen oder geschlossen? – Ein Zeltdach schützt die Festspielbesucher vor Regen

Im Zweifel bleibt es zu

Schutzschirm für Besucher: Während die Schauspieler dem Wetter ausgeliefert sind, schützt ein 1450 Quadratmeter großes Zeltdach die Festspielbesucher vor Regen. Bühnenmeister Harald Koblenz sorgt dafür, dass die Regensicherung rechtzeitig geöffnet oder geschlossen wird. Foto: Eisenberg

Bad Hersfeld. „Soviel wie ein VW-Käfer hat jeder Schleppwagen gekostet. Im Gegensatz zum Käfer sind sie aber heute noch im Alltagseinsatz“, erklärt Bühnenmeister Harald Koblenz und blickt dabei nach oben.

Auch wenn wohl die wenigsten Festspielbesucher überhaupt von der Existenz der Schleppwagen wissen, kommt den insgesamt 240 Kilogramm schweren Antriebseinheiten gemeinsam mit den Stahlseilen, der Zeltplane und dem 32 Meter hohen Mast eine tragende Rolle zu. Sorgen sie doch dafür, dass das Theaterpublikum bei Regen nicht nass wird, bei schönem Wetter aber den Blick auf den Sternenhimmel genießen kann. 1968 war das 1450 Quadratmeter große Zeltdach nach den Entwürfen des Architekten Frei Otto, bekannt durch den Bau des Münchner Olympiastadions, errichtet worden.

„Aus Denkmalschutzgründen durfte es nicht an der Stiftsruine befestigt werden“, erklärt Harald Koblenz. Der Mast und die Fundamente befinden sich deshalb außerhalb. Für Bewegung sorgen die 21 Antriebseinheiten. Jede besteht aus zwei Elektromotoren, die Walzen antreiben. Mit deren Kraft bewegen sich die Schleppwagen auf den gespannten Fahrseilen und bewegen so das Zeltdach, dessen Enden mit den Schleppwagen verbunden sind.

„Es hat sich mal ein Getriebeteil gelöst“, erzählt Harald Koblenz. Seither dürfe das Dach nur noch bewegt werden, wenn sich keine Personen darunter befinden. „Das bedeutet, dass wir bis 18 oder 19 Uhr entscheiden müssen, ob wir das Dach öffnen“, erläutert der Bühnenmeister. Weil die Gewitterwahrscheinlichkeit im Sommer sehr hoch sei, bleibe es im Zweifel geschlossen. Auch als Sonnenschutz während der Nachmittagsvorstellungen oder wegen der Akustik bei Musical und Oper bleibe der überdimensionale Regenschirm aufgespannt.

„Die Atmosphäre ist unter freiem Himmel schöner, nur offen ist der Blick durch den großen Bogen frei“, sagt Koblenz. Bleibe es trotz geschlossenem Dach dann doch trocken, sorge das für Unmut bei den Zuschauern.

Schauer bei geöffneter Regensicherung habe es bisher nicht gegeben. „Bei der langen Faust-Nacht, in der beide Teile bei offenem Dach gespielt wurden, hat es in Bebra schon gewittert. Da saß ich den ganzen Abend auf heißen Kohlen“, erinnert sich der Bühnenmeister. Das Aufspannen dauert etwa fünf Minuten. Wenn das Dach bewegt wird, stehen Koblenz und ein weiterer Helfer auf den Seitenmauern der Ruine, um alle Schleppwagen im Blick zu haben. „Das schlimmste wäre, wenn ein Motor stehenbleibt. Dann könnte die Plane auseinanderreißen“, erläutert Koblenz. Während der Mast stehenbleibt, werden die Zeltplane und die beweglichen Teile nach der Saison abmontiert, und die Motoren jeden Winter zerlegt und gewartet. Gute Pflege ist wichtig – da unterscheidet sich das Ruinendach nicht von einem VW Käfer.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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