Zwei Premieren und ein tragischer Todesfall

Redaktionsleiter Kai A. Struthoff

Was für ein Premierenwochenende! „Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt“ – mit diesen Worten unseres Dichterfürsten Goethe lässt sich der Start in die 64. Bad Hersfelder Festspielsaison treffend beschreiben.

Beim Festakt am Freitag in der Stiftsruine war allen Protagonisten die Anspannung deutlich anzumerken. Nach dem Festspielstreit der vergangenen Wochen achteten jetzt alle auf Feinheiten, waren um wohl gesetzte Worte bemüht. Freundlicher Beifall für Bürgermeister Thomas Fehling wie für Intendant Holk Freytag gleichermaßen. Zwischen beiden kein böses Wort – doch eine kühle Distanziertheit war deutlich zu registrieren. Fehling beteuerte in seiner Rede erneut seine Verbundenheit mit den Festspielen, die einem „Herschfeller Jung“ gleichsam in die Wiege gelegt werde. Aber er konnte sich auch den Hinweis auf die nötige Balance zwischen dem finanziell Machbaren und Wünschenswerten nicht verkneifen. Fast ein wenig drohend klangen für mich seine Worte, dass er angesichts des Festspieletats in nie dagewesener Höhe nun herausragende Festspiele erwarte.

Eine herausragende, kluge und nachdenkliche Rede hielt dann „unser“ Staatsminister Michael Roth, der mit diplomatischen Worten manch unbequeme Wahrheit sagte. Zurecht mahnte er eine Diskussion über eine Neu-Positionierung der einstigen Zonenrand-Festspiele in einem heute vereinten Europa an – auch um den Preis, dass manche altgedienten Festspielfans davon vielleicht verschreckt werden. Ganz im Sinne Holk Freytags, der Theater immer auch politisch versteht, war sicher auch die Einordnung der Festspiele im historischen Kontext zwischen dem Ausbruch der Weltkriege vor 100 und 75 Jahren und der friedlichen Wende.

Staatsminister Michael Roth ist es auch zu verdanken, dass gleich mehrere Botschafter europäischer Länder an dem Festspielauftakt teilnahmen. Sie dürften einen guten Eindruck von unserer Festspielstadt in die Welt hinaus tragen.

Über die beiden grandiosen Premieren des Wochenendes haben meine Kollegen auf diesen Seiten ausführlich geschrieben. Dem ist nichts hinzuzufügen – auch ich bin begeistert und hoffe vor allem, dass das charmante Familienstück Don Quijote viele junge und alte Theaterfreunde in die Ruine lockt. Für mich war der Premierenabend perfekt, als ich bei der Party Marie-Therese Futterknecht herzlich umarmen durfte. Wann hat man schon mal eine echte Königin im Arm? Wir beide kennen uns schon eine Weile, und ich bin stets bezaubert von ihrem charmanten Wiener Dialekt und ihrer warmherzigen Art.

Überhaupt war die Premierenparty in der stimmungsvoll ausgeleuchteten Schilde-Halle wieder ein voller Erfolg. Bei raffiniert-schmackhaften „Hessischen Tapas“ des Tafelhauses Steinhauer, kühlen Getränken und heißer (zuweilen etwas zu lauter) Musik vermischten sich schnell Stars und Fans. Markus Gertken sprühte voll ansteckender Begeisterung für Friedrich Schiller und seine machtvolle Sprache. Und die so zerbrechlich wirkende Gerit Kling mit ihren unergründlichen, tiefblauen Augen schwärmte für die Stadt und die Ruine. Für die Festspiele hat sie extra eine Fernsehproduktion abgesagt. Es war eine vergnügliche Nacht, die noch lange nicht zu Ende war, als ich um drei Uhr beschwingt im fahlen Licht des Vollmonds heim ging.

Es wäre ein perfektes Premieren-Wochenende gewesen, wäre da nicht noch ein tragischer Todesfall. Der langjährige SPD-Stadtverordnete und Schulleiter der Geistalschule Ulrich Eckhardt (60) ist in der Nacht zum Sonnabend an einem Herzinfarkt gestorben. Am Freitagnachmittag schon klagte er über Schmerzen und Übelkeit, doch den Besuch bei seinen geliebten Festspielen, für die er stets vehement eingetreten ist, wollte er sich nicht nehmen lassen. Wir sind zum Tode betrübt.

Freud und Leid liegen oft dicht beieinander – im Theater wie im wahren Leben.

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