Bachtage: Zwei aspektreiche Instrumental-Recitals

„Zum Raum wird hier die Zeit“

Bad Hersfeld. Bachtage brauchen musikalische Abwechslung, zumal nach einem so ausufernden Vokalwerk wie der Matthäus-Passion. Das geschah instrumental am Karsamstag im J.S.-Bach-Haus. Doch auch hier war Gewichtiges zu bewältigen. So am Nachmittag die Goldberg-Variationen, die seit Glenn Goulds beiden Plattenaufnahmen Kultstatus errungen haben.

Dreißig Variationen

Auf Spektakuläres war Christoph Bergner, promovierter Musikwissenschaftler, evangelischer Pfarrer in Bensheim und eher am Eigenanspruch als am Musikbetrieb gewachsener Tastenkünstler, freilich nicht aus. Er besann sich auf das mutmaßliche Originalinstrument, das zweimanualige barocke Cembalo, und auch darauf, dass in diesem unfassbar fantastischen Gang durch eine Aria und dreißig Variationen in zehn Dreiergruppen der Weg das Ziel ist. Am Ende, nach 75 Minuten, wird die Aria in ihrer unschuldigen Schlichtheit wiederholt. Da konnte man es Richard Wagners Parsifal nachfühlen: „Ich schreite kaum, doch wähn’ ich mich schon weit.“ Und dem Mentor, der ihm antwortet: „Mein Sohn, du siehst, zum Raum wird hier die Zeit.“

Das machte Christoph Bergner in seiner Ausdeutung wahr. Seine niemals lehrhafte Klangraum-Architektur ist auf natürlichen Spielfluss der von Bach intendierten Zweistimmigkeit gestellt, auf leise Betonung der formalen und spieltechnischen Problemstellungen, auf mitteilsame Nuancen, bei allem Gleichmut auch auf Wehmut in den wenigen Mollvariationen und auf leichten Übermut zum Ende hin. Man konnte durchatmen, entspannen und blieb doch wachsam – ein Stück wiedergewonnene musikalisch-bachische Häuslichkeit.

Die Bibel des Cellisten

Wie gut, wenn das Instrument dem Musiker vertraut ist. Am Abend des Karsamstags zeigte es die in Berlin lebende Hersfelderin Lydia Keymling erst später mit dem gewohnten viersaitigen Violoncello. Zu Beginn hatte sie sich doch ein wenig gemüht mit dem Fünfsaiter und der dafür von Bach komponierten 6. Solosuite D-Dur. Mal trat sie die Flucht nach vorn an, mal wurde die Kopfarbeit der manuellen Exaktheit geopfert. Die sechs Suiten BWV 1007-1012 sind und bleiben die Bibel der Cellisten und so auch ein unerschöpflicher Quell des Lernens.

Farbigkeit und Transparenz

Kein Vergleich dann die Nummern 1 und 2 G-Dur und d-Moll auf dem Viersaiter. Plötzlich sind Volumen, Farbigkeit und Transparenz da, die gedankliche Ergründung der Präludien und der Schliff der Tanzsätze auch. In der Gigue der d-Moll-Suite glaubte man gar zu ahnen, welche Obsession Bach bei der Erkundung eines ihm eher fremden Klangterrains beflügelt haben muss.

Von Siegfried Weyh

Kommentare