Deutsche aus Russland feiern Tag der Heimat

Zuhause in zwei Kulturen

Pflegen die alten Bräuche: Die Gruppe „Singende Frauen“ aus Korbach zeigte auf dem Begegnungstag der Russlanddeutschen in Bad Hersfeld Volkstänze. Fotos: Juri Auel

Bad Hersfeld. Vera Gerneralov träumt inzwischen wieder auf Deutsch. Sie ist angekommen in der Heimat ihrer Vorfahren. In Sibirien geboren, lebte Gerneralov lange Zeit in der Nähe Moskaus, bevor sie vor 15 Jahren nach Bad Hersfeld ging. Die 53-Jährige ist eine von knapp zwei Millionen Spätaussiedlern, die in den vergangenen 30 Jahren von Russland nach Deutschland gezogen sind.

Am Wochenende gedachte der Kreisverband der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland der Geschichte dieser Menschen und lud zu einem Tag der Begegnung in das Gemeinschaftshaus Hohe Luft. Vera Gerneralov war auch da. Die zierliche Frau mit den blauen Augen, blondem Kurzhaarschnitt und rot schimmernden Wangen ist Mitglied im russisch-deutschen Frauenchor „Rabjinushki“ (Vogelbeerbäumchen), der dort aufgetreten ist.

Aus Angst vor dem Tschetschenienkrieg beschloss Vera Gerneralov, ihren fünf Geschwistern zu folgen und in die Heimat ihrer Vorfahren zurückzukehren. In Russland hat die studierte Bürokauffrau für eine Rentenversicherung gearbeitet. Dort entdeckte sie ihr Talent im Umgang mit alten Menschen. Heute betreut sie Demenzkranke in einem Wohnheim.

„Ob ich mich eher deutsch oder russisch fühle? Ich sehe die Nationalität nicht so eng“, sagt sie mit leichtem Akzent. Es dauerte einige Zeit, bis die zweifache Mutter überhaupt mit der russischen Kultur wirklich in Kontakt kam. In der Sowjetunion lebten die Russlanddeutschen eher abgeschottet, blieben unter sich. Der Umkreis von Vera Gerneralov unterhielt sich in einem Deutsch, das dem Schwäbischen sehr ähnelte. „Ich konnte in der Schule gut Gedichte aufsagen. Den Text verstanden habe ich aber erst später, als ich besser russisch konnte“, erinnert sie sich.

Mit Anfang 50 gehörte Vera Gerneralov zu den jüngsten beim Tag der Begegnung in dem Gemeinschaftshaus. Nachwuchs zu finden, der die alten Tänze und Lieder weiterpflegt, wird wohl schwer. Der Bezug, den die Generation ihrer Söhne zu Russland habe, sei ein anderer, sagt Vera Gerneralov. „Die haben keine Lust auf alte Volkslieder“.

Von Juri Auel

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