Zeitzeuge Hans Horn zu den Novemberpogromen

Hat in seinem Leben viel erlebt: Hans Horn. Foto:  Schankweiler-Ziermann

Bebra. Der Bebraner Hans Horn (92) gehört zu den wenigen, die noch aus eigenem Erleben von der Zeit vor 75 Jahren berichten können. Er war 17 Jahre alt, als die Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung im Jahr 1938 stattfanden.

Er erzählt, dass er am 8. November einen Anruf von seinem Nachbarn Malkemus bekam, er solle „doch mal in die Stadt gehen und sich ansehen, was da heute Nacht geschehen ist. Ich setzte mich auf mein Fahrrad, und ab ging es“, berichtet Horn. „Was ich da gesehen habe, hat mir die Sprache verschlagen“, sagt Horn.

Vor dem Haus Rotfels in der Nürnberger Straße 58 lagen das Bettzeug, eine Nähmaschine, Anziehsachen auf dem Erdboden. Die Fensterscheiben waren kaputt, und die Hautür lag neben der Treppe. Sie war eingetreten und zertrümmert worden.

Hirnlose Vandalen

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Hans Horn erinnert sich, dass er empört war, ebenso wie einige der älteren Menschen. In der gesamten Nürnberger Straße seien die Geschäfte der Juden von hirnlosen Vandalen zerstört worden. Ebenso die Synagoge. „Im Innenraum war alles, aber auch alles kaputtgeschlagen“, erklärt der 92-Jährige. Damals wie heute versteht der gläubige Christ nicht, wie man so einen Schandfleck aus einem Gotteshaus hat machen können.

Auch Menschen wurden misshandelt und gedemütigt. So erinnert sich Hans Horn, dass zwei Juden in einen Schrank gesperrt und eine steile Treppe hinuntergestoßen worden seien. Ein Parteigenosse habe die Gelegenheit genutzt und eine Frau vergewaltigt. Als seine Tat in der Bevölkerung bekannt geworden war und die Partei ihm mitteilte, er sei für sie nicht mehr tragbar, habe sich der Mann erschossen, berichtet Hans Horn.

Am 8. November seien dann Polizeiposten vor die Synagoge, die jüdischen Häuser und Geschäfte gestellt worden, um Plünderungen zu verhindern. Das sei aber nicht vollständig gelungen. Eine zweite Welle von Ausschreitungen folgte am 9. November, genau heute vor 75 Jahren. Nun wurden die vor zwei Tagen zertrümmerten Möbel der Juden aus den Häusern geholt und öffentlich auf dem Adolf-Hitler-Platz - heute der Anger - verbrannt. „Dies geschah mit dem Absingen von Liedern durch die Bebraer Frauenschaft“, erzählt Horn. Die Frauen seien dazu verpflichtet worden. Die Täter, sagt Horn, seien die „Stracken“ gewesen, in der Mehrzahl SA-Leute, einige in Zivil. Die Hälfte seien Statisten und Mitläufer gewesen.

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Der Bebraner erzählt, dass seine Familie mit der Familie Katz gut bekannt war. Für das Geschäft von Salomon Katz reparierte sein Vater Nähmaschinen, Fahrräder und Motorräder. Die Bebraner waren darauf angewiesen, in den jüdischen Geschäften einzukaufen - genauso war es umgekehrt. Fortan habe man das im Dunkeln erledigt, sagt Horn.

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Von Gudrun Schankweiler-Ziermann

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