250 Dinge, die wir mögen (178): Das goldene Kreuz auf der Jakobikirche

Zeitkapsel auf dem Turm

Das goldene Kreuz auf dem Turm der Rotenburger Jakobikirche enthält zwei Zeitkapseln aus Kupfern. Foto: Meyer

Rotenburg. Weithin sichtbar ist das goldene Kreuz auf dem Turm der Rotenburger Jakobikirche. Berühren lässt es sich nicht – normalerweise. Aber als es an Ort und Stelle montiert wurde, durften Kirchenvorstandsmitglieder und Journalisten dabei sein. Sie alle wissen, dass in der Kugel unter dem Kreuz zwei versiegelte Kupferkapseln mit interessantem Inhalt stecken.

Erst kürzlich wurde die über zwei Millionen Euro teure Sanierung der Kirche abgeschlossen. Während der Zeit der Außensanierung lehnten sich Gerüste an das Gebäude, die den Aufstieg bis oberhalb der runden Kuppel des Turms ermöglichten. In der Stille hier oben, unbemerkt von den geschäftigen Fußgängern und Autofahrern unten in der Stadt, versammelte sich das kleine Grüppchen, um die Anbringung des Kreuzes zu feiern.

Handwerker Harald Otto richtete das Kreuz, wie es üblich ist, in Ost-West-Richtung aus. Es weist so nach Jerusalem, zum Ort der Kreuzigung und Auferstehung Jesu.

In den Kapseln stecken Münzen sowie Zeitungen, die noch von früheren Kirchensanierungen stammen. Ein Exemplar der Hessischen Allgemeinen von 1963 hat die Schlagzeile: „Erhard will kein Übergangskanzler sein.“ Ein Extrablatt des „Rotenburger Kreisblatts“ von 1914 erklärt in großen Sütterlin-Lettern, leider ohne Datum, dass Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich ermordet wurde.

Dieses Ereignis löste bekanntlich den ersten Weltkrieg aus. Der Kirchenvorstand legte eine aktuelle Ausgabe der HNA dazu sowie einen Brief, in dem Pfarrer Michael Dorfschäfer die aktuelle Situation in der Politik und in der Stadt beschreibt und einen Gruß an die Zukunft sendet.

Über den Dächern Rotenburgs bat Pfarrer Michael Dorfschäfer um den Segen für jeden in dem kleinen Grüppchen. Dann stiegen alle wieder hinab. Die Kapseln werden in der Kugel warten, bis sie bei einer weiteren Restaurierung geöffnet werden – in 30, 50 oder gar erst 100 Jahren.

Von Achim Meyer

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