Stadtkirche: Nicole Pieper und Sebastian Bethge bezauberten mit Gesang und Orgel

Im Wunderreich der Lieder

Nicole Pieper und Sebastian Bethge konzertierten gemeinsam in der Stadtkirche. Foto: nh

Bad Hersfeld. Unsere musikhistorische Affinität hört um das Jahr 1900 auf. Hier aber, beim Lied- und Orgelrecital am Sonntagnachmittag in der Stadtkirche, begann die Musikfolge mit dem 20. Jahrhundert.

Schon das eine Entdeckung – dass da noch tonale Musik in reinstem spätromantischen Gewand entstand. Dazu fühlten sich Komponisten wie Gustav Mahler, Max Reger und Arnold Schönberg wohl auch gedrängt, wenn sie tief empfundene Verse etwa von Friedrich Hölderlin und Friedrich Rückert vertonten.

Stimme von edlem Timbre

Die zweite Entdeckung: eine Singstimme von edlem Timbre, vollends beherrschtem Vibrato und in allen Lagen gesunder Stabilität und Belastbarkeit. Vor allem aber von einer Projektionskraft, die feinste Textregungen in Klangbilder übersetzt. Diese Stimme gehört der Hamburger Mezzosopranistin Nicole Pieper, die letztes Jahr einen Bad Hersfelder Auftritt krankheitsbedingt absagen musste und ihn nun mit einem ganzen prachtvollen Liederstrauß nachholte. Ob frühe Schönberg- und Reger-Gesänge, Miniaturen der 24-jährig gestorbenen Französin Lili Boulanger oder „Nachtgedanken“ (2013) des 1947 geborenen Martin Christoph Redel – Nicole Pieper breitete sie alle in ebenmäßig geflüsterten bis gefluteten Tönen aus.

Überirdisch schön

Das geheime Zentrum dieser Liedfolge zum Thema „Nacht“ bildeten zwei der Rückertlieder Mahlers, „Um Mitternacht“ und „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ mit der überirdisch schönen Schlusswendung „Ich leb’ allein in meinem Himmel, in meinem Lieben, in meinem Lied“. Wie ein Gebet.

Überirdisch schön auch die „Begleitung der Eule“ (Titel der Konzertreihe). Gemeint ist die große Eule-Orgel (Baufirma), deren dezente Flöten- wie Zungenregisterbereiche hier vorrangig gefragt waren. Sebastian Bethge wusste damit seine Sängerin geradezu zu umgarnen und stellte mit Anton Weberns Variationen op. 27 (original für Klavier) das avancierteste Stück hellsichtig-feinfühlig vor. Großer Beifall der rund 100 Zuhörer und eine Reger-Zugabe.

Von Siegfried Weyh

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