HZ-Porträt: Sigrid Herwig sucht Mitstreiter für Genossenschaft für Bestattungskultur

Für würdige Abschiede

Ein Ort, an dem sie sich geborgen fühlt: Sigrid Herwig will eine Genossenschaft für Bestattungskultur ins Leben rufen. Auf diesem Friedhof bei Bosserode hält sie sich gerne auf. Foto: Meyer

Rotenburg. Sigrid Herwig ist eine lebensfrohe, aber auch nachdenkliche Frau. Sie geht den Dingen auf den Grund, so weit, dass sie auf elementare Themen stößt: Leben, Sterben, Tod, Trauer. Der 54-jährigen Rotenburgerin liegt die Gründung eines Projekts am Herzen, dem sie den Namen „Genossenschaft für Bestattungskultur“ gegeben hat – ein Zusammenschluss von Menschen, die miteinander dafür sorgen könnten, dass jeder würdig bestattet wird.

Herwig hat beobachtet, dass der Kreis der Trauergäste bei vielen Beerdigungen kleiner geworden ist. Als Grund sieht sie die Vereinzelung der Gesellschaft und dass Angehörigen das Geld fehlt. Herwig will das nicht hinnehmen. Bestattungen hält sie für wichtige Rituale. „Wenn das in den Hintergrund gerät, kann das ein Zeichen sein, dass die Gesellschaft auseinander bricht.“

Herwig besucht gerne einen kleinen Friedhof in einem Waldstück bei Bosserode. Ein hölzerner Zaun umgibt die Gräber, an einem der verwitterten Grabsteine wächst steinernes Efeu. Herwig liebt diesen ruhigen Ort fernab der Straße, und das Gefühl, das sie mit ihm verbindet, sagt sie, ist das der Geborgenheit.

Diese Geborgenheit ist das zentrale Thema in ihren Gedanken. Sie spricht mit Dialekt, den sie sich seit der Kindheit in Oberfranken bewahrt hat. „Wir alle wünschen uns Geborgenheit“, sagt sie. Bald wird deutlich, wie umfassend sie dieses Wort begreift. Geborgenheit ist für sie die Geborgenheit des Kindes im Schoß der Mutter wie die des Menschen in seiner Gesellschaft – über den Tod hinaus.

Erstmals wurde Sigrid Herwig im Alter von sechs Jahren mit dem Tod konfrontiert. Ihr Vater starb an den Spätfolgen einer Kriegsverletzung. Die Verwandten hielten das Mädchen davon ab, an der Beerdigung teilzunehmen. Ein Fehler, wie sie heute weiß: „Das ist das, was mir gefehlt hat: richtig Abschied zu nehmen.“

„Wir alle wünschen uns Geborgenheit.“

Sigrid Herwig

Nach der Schule arbeitete Herwig ein Jahr lang mit spastisch gelähmten Kindern, lernte einen Bäcker kennen, heiratete und bekam mit ihm drei Kinder. Als sie 33 war, starb ihr Mann an Leukämie. Später verliebte sie sich neu und heiratete. Mit ihrem Partner lebt sie seit 1997 in Rotenburg.

Sigrid Herwig offenbart im Gespräch großes Einfühlungsvermögen. Vielleicht sind es die Schicksalsschläge in ihrem Leben, die diese Eigenschaft verstärkt haben – und bewirkten, dass sie die Auseindersetzung mit den grundsätzlichen Fragen des Lebens sucht. Seit einiger Zeit nun trägt sie die Idee für die Genossenschaft in sich. Sie hofft, Mitstreiter für dieses Projekt zu finden.

Von Achim Meyer

Kommentare