Wow! – So eine Bühne

Das erste Mal gesehen habe ich sie 1979, als Zuschauer. Ich war von dieser Spielstätte sofort ergriffen. Ein Erlebnis der Sonderklasse. Und dann sprang da auch noch Mario Adorf drauf rum: „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. Seit diesen ersten Tagen ist meine Begeisterung nur gewachsen.

Was sagen unsere Schauspieler zu dieser Bühne, was ist ihr erster Eindruck? Ich frage Martin Bringmann, er spielt Ulrich von Rudenz im Tell und den Stankovski im deutschen Musical Carmen. „Zunächst einmal bekommt man Ehrfurcht“, sagt er. „Für diese Bühne braucht man Zeit, man muss die Räume völlig neu aufteilen.“ Er sieht auch die besonderen Anforderungen an einen Regisseur: „Für diese Bühne muss jedes Stück neu erfunden werden.“

Auf der Kantinenterrasse treffe ich Horst Sachtleben. Er ist der Senior unter den Schauspielern, das erste Mal in Bad Hersfeld und wird im Sommer als Freiherr von Attinghausen im Tell auf der Bühne stehen. Sein erster Eindruck: „Ein grandioses Gemäuer.“ Dann erzählt er von seinem Vorurteil: „Kollegen haben mir natürlich von Hersfeld erzählt, und dass es da toll sei. Dass es aber so überwältigend ist, habe ich mir nicht vorstellen können.“

Birte Gerken, Darstellerin von Hedwig Tell, ist in Eile. Sie notiert ihre Eindrücke in einer stillen Minute. Eine ganze Seite Liebeserklärung an die Ruine. Wie sie das erste Mal hineingeht, am Pförtner vorbei, die kleine Treppe hinauf. Sie schreibt weiter: „Man erblickt das Innenleben der Ruine. Fantastisch … wow … groß und mächtig – dann wagt man sich langsam vor in die Bühnenmitte, dreht sich nach links und guckt in diesen Zuschauerraum. Wieder … wow … fantastisch! Dann fühlt man sich klein, aber in der nächsten Sekunde, wenn einem bewusst wird, mit was für einer Kulisse im Rücken man gerade da steht – es ist unbeschreiblich. Man wächst förmlich! Und hier darf ich nun spielen!“

Markus Gertken, der Tell, sagt plötzlich in unserem Gespräch: „Gib mir mal dein Flüstererbuch, ich schreibe das mal, dabei kann ich konzentrierter denken“. Hier kann der HZ-Leser mitlesen: „Ich werde nie müde, auf die Architektur der Ruine zu schauen. Sie schafft einen Raum, dem Geistigen verpflichtet, und jeder Theaterabend kann nur gewinnen, wenn er sich dieser Herausforderung stellt. Deshalb ist jede Stückinterpretation dort eine ureigene Hersfelder Interpretation, die dem Raum abgerungen ist.“ Für die Kolumne ist hier Schluss, im Buch geht’s noch weiter.

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