HZ-Volontär Marcus Janz war einen Tag beim Aufbau des Bellevue-Riesenrades auf dem Lullusfest dabei

Wortlos geht’s richtig rund

Das Riesenrad soll sauber sein: Bevor die riesigen Speichen in das Bellevue-Riesenrad eingesetzt werden, wird jede einzelne gewaschen. Mitarbeiter Sino Krein spritzt die Stahlträger mit dem Wasserschlauch ab. Foto: Janz

Bad Hersfeld. Schausteller reden nicht viel. Schon gar nicht beim Aufbau. Jeder weiß, wo er anpacken muss. Worte sind da überflüssig.

In so eine verschwiegene Gruppe dringe ich ein. Ein Dutzend Männer, die wissen, was sie tun, und ein Volontär der Hersfelder Zeitung, der keine Ahnung hat. Zumindest nicht vom Aufbau eines Riesenrads. Genau dabei soll ich helfen – naja, mitmachen. Einen Eindruck kriegen vom Aufbau des Lullusfests.

Morgens um acht geht es los. Noch ist es neblig. Die Sonne kommt erst später raus. Die grün-weißen Streben des Bellevue-Riesenrads ragen schon in den grauen Himmel. Auch das erste Drittel des stählernen Kreises hängt schon.

Ein Leben lang Schausteller

Betriebsleiter ist Hubert Predan. Der 42-Jährige kommt aus einer Schaustellerfamilie: „Ich bin schon mein ganzes Leben dabei.“ Er hat das Sagen und die Verantwortung. Er mustert mich. „Lass dir nichts auf den Kopf fallen.“ Auf dem Jahrmarkt wird gedutzt.

„Du kannst mit putzen“, sagt Hubert. Das traut er mir schonmal zu. Toll. Ich geh’ auf den Jahrmarkt, um Männerarbeit zu erleben, und am Ende habe ich Spülhände. Aber das geht allen so. Denn Hubert ist es wichtig, dass sein Fahrgeschäft ordentlich ist. Und auf dem letzten Jahrmarkt ist es schmutzig geworden.

Wie die anderen nehme ich einen Küchenschwamm und eine Flasche Spülmittel. Es riecht nach Zitrusaroma. Wir schrubben die großen Stahlspeichen gründlich, ehe sie montiert werden.

Durch das Putzen ist der Arbeitsablauf gemächlicher als sonst. „Das ist heute doch gar nichts“, sagt Hubert. So können die Männer auch mal miteinander schwätzen. Die meisten kommen aus Rumänien. Drei sind Deutsche. Bis auf Jon und Sino sind alle seit Jahren dabei. Sie sprechen untereinander rumänisch oder palavern auf deutsch.

Wie bei Lego-Technik

Oscar Bruch hebt die Streben mit dem Kran vom Lastwagen. Selbst zusammengeklappt sind sie etwa zehn Meter lang. Bernd streicht die Ösen der riesigen Stahlspeiche mit einem zerfaserten Pinsel mit Schmierfett ein. Die Bolzen müssen flutschen, wenn das Riesenrad zusammengesetzt wird. Es ist wie bei Lego-Technik. Alles passt zusammen.

Stefan spritzt die weiße Stahlspeiche mit dem Wasserschlauch ab. Er sagt leise „Vorsicht“, damit niemand nass wird. Die andern gehen sofort in Deckung. Ich schrubbe an einem Rostfleck und höre es nicht. Die zweite Warnung für mich ist lauter. Schausteller passen aufeinander auf.

Das muss auch sein. Ständig bewegen sich irgendwo tonnenschwere Teile. Betriebsleiter Hubert hat alles im Blick. Mit einer großen Fernbedienung vor seinem Bauch kontrolliert er ein halbes Dutzend Flaschenzüge. Er weiß, wo wer zu sein hat, wer was machen muss. Aber Anweisungen gibt er kaum. Muss er auch nicht.

Nur Handlangerdienste

Nachdem ich den Arbeitsablauf etwas beobachtet habe, packe ich hier und da einfach mit an. Mit Bernd nehme ich die Kranzeisen vom Kran in Empfang. Die gelben Stahlträger ergeben zusammen das Rund des Riesenrads. Niemand weist mich ein, ich schaue mir einfach ab, was mein Partner macht. Aber er greift nicht wie ich dauernd in Schmierfett. Halb so schlimm. Und nach zwei Stunden macht die Arbeit richtig Spaß.

Mehr als Handlangerdienste sind natürlich nicht drin. Beim Zusammenbau läuft alles routiniert. Da würde ich nur stören. Und rauf zur Achse in über 20 Metern Höhe klettern immer die gleichen Vier.

Die Männer arbeiten zehn Stunden konzentriert. Es gibt nur zwei Pausen. Mittagessen in der Wohnwagensiedlung am Schwimmbad. Mark gibt mir mit einem Wink zu verstehen, dass ich ihm zum Küchenwagen folgen soll. Astrid und Elisabeth haben Kohlrouladen gekocht. Die Kartoffeln auf dem voll beladenen Teller dampfen. Zum Nachtisch gibt es Vanillecreme.

Beim Essen am großen Klapptisch herrscht Stille. Danach steht jeder für sich auf und geht für eine halbe Stunde in seinen Wagen. Schausteller reden eben nicht viel.

Von Marcus Janz

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