Bachtage: Siegfried Heinrich leitete eine großenteils hochrangige Matthäus-Passion

Das Wort „Liebe“ genügt

Tadellos besetzt: Ein vokaler Leuchtturm im wogenden Hin und Her war der Festspielchor samt den Konzertchören aus Marburg und Frankfurt. Die starke Hundertschaft sang wie mit einem Atem, aus einem Mund und Herzen. Foto: Rothe/nh

Bad Hersfeld. Vor dem Begreifen kommt das Ergriffensein. Ergriffen waren die 450 Zuhörer von Siegfried Heinrichs Bad Hersfelder Karfreitags-Aufführung der Bach’schen Matthäus-Passion in der Stadthalle. Sie durften es sein in Anbetracht fast dreier feierlicher Abendstunden, der beinahe unbegreiflichen Schönheiten der Musik und der Qualität ihrer Wiedergabe.

Werkgerecht teilte Heinrich die Kollektive Chor und Orchester in jeweils zwei selbstständige Gruppen, was auch optisch das kontrast- und tumultreiche Karfreitagsgeschehen in Jerusalem fördert. Ein vokaler Leuchtturm im wogenden Hin und Her war der Festspielchor samt den Konzertchören aus Marburg und Frankfurt. Die starke Hundertschaft sang wie mit einem Atem, aus einem Mund und Herzen. Die Affekte der Rahmen- und Turbachöre (jüdische Volksmenge) hatten Fülle, Wucht und scharfen Schnitt, die Choralstrophen ein durch alle vier Stimmen fein gewirktes Liniengeflecht. Tadellos wieder die Damenabteilung, präsenter als zuletzt die Herren. Eine leichte und sichere Übung für die Kiewer Knaben und Hersfelder Kinder war im Eingangschor die Choralmelodie „O Lamm Gottes unschuldig“.

Instrumental gestützt

Bei den Virtuosi Brunenses durften alle Vokalisten sich fast durchweg instrumental sicher gestützt wissen. Nicht nur das - Bachs Komposition besticht auf Schritt und Tritt ja durch die delikate Hervorhebung „obligater“ Instrumente. Neben Karel Mitás und Eva Kalová (Violine) zeichneten sich hier besonders Ivica Gabrisová (Flöte) sowie Nela Jelínková und Martin Benes (Oboe) aus. Ein Genuss, diesem Trio zusammen mit der Solosopranistin im intimsten Stück der Passion zuzuhören.

Lag nicht hier - in der Arie „Aus Liebe will mein Heiland sterben“ und zumal im Gesang Lisa Rothländers - das emotionale Gestaltungszentrum der Aufführung? Das Wort „Liebe“ genügt, doch die unterfränkische Sängerin lädt darüber hinaus jede Phrase sanft expressiv auf. Sie nennt einen silbrig schimmernden Sopran ihr Eigen, den sie diskret hervorkehrt und wieder abblendet. Sie weiß, was sie Bach schuldig ist: „Sein Fleisch und Blut, o Kostbarkeit, vermacht er mir in meine Hände“, singt sie überirdisch schön im Rezitativ vor der Arie „Ich will dir mein Herze schenken“. Lässt sich in solchen Worten und Tönen die Matthäus-Passion begreifen, ihr Geheimnis und ihre Ermutigung?

Auf ähnlichem Level die Berlinerin Anna Retczak, die ihre Altstimme flexibel führt, mit reichem Atem, die Höhe hell getönt, die Tiefe satt und fruchtig, perfekt der Lagenausgleich. Die männlichen Solisten waren durch Erkältung und Indisposition teils massiv eingeschränkt. Sören Richter hielt mit wendigem Tenor und sauberer Sprachbehandlung die Evangelistenpartie tapfer durch. Von den beiden sprachlich sich gut einfühlenden Bassisten hatte der Koreaner Kwang-Seok Cho als Christus neben der hoheitlichen auch leise Töne, während Xiao-Feng Cai aus China die Arien geschmeidig, bisweilen etwas höheneng vortrug. Benjamin von Reiche (Tenor-Arien) musste frühzeitig passen.

Siegfried Heinrich musste deshalb noch mehr kürzen als geplant - im Ganzen wohl um fast 20 Minuten. Trotz des erbetenen Schweigens am Ende der Passion honorierte wohl jeder über die erlesene Musik hinaus ihre über weite Strecken hochrangige Darbietung.

Von Siegfried Weyh

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