Theatergruppe der Modellschule adaptiert polnischen Roman für die Bühne

Sie wollen nur spielen

Magdalena Bohn (li.) und Vera Engel zeigen vollen Körpereinsatz in ihren Rollen. Foto: Poppe

Bad Hersfeld. Kiste um Kiste stapeln die Spieler aufeinander, langsam entstehen mehrere rote Türme und Türmchen. Und als die Polka-Musik verstummt, ist das Bühnenbild fertig: Vor der Kulisse eines tristen Plattenbaus in einem polnischen Vorort spielt die neue Produktion der Theatergruppe der Modellschule Obersberg.

Die Vorlage für das Stück lieferte der Debütroman „Schneeweiß und Russenrot“ der jungen Autorin Dorota Maslowska. Nach und nach haben sich die Schülerinnen und Schüler der elften bis dreizehnten Klasse einzelne Szenen herausgegriffen, zu Dialogen umgeformt und diese mit dem Leiter der Theatergruppe Klaus Riedel zu einem Drehbuch verarbeitet.

Andrzej, der jugendliche Ich-Erzähler dieser Geschichte, leidet wegen übertriebenem Alkohol- und Drogenkonsum an Realitätsverlust. Für ihn und seine Freunde wird das Leben zunehmend zu einem Spiel. Das Einzige, was in dieser Clique beständig ist, ist der häufige Wechsel der Sexualpartner. In dieser Welt kennen Männer die drei magischen Worte Bitte, Danke und Verzeihung nicht. Frauen werden als Rabenaas beschimpft.

Diese jungen Erwachsenen, die man treffender als frühreife Kinder bezeichnen muss, sind auf der Suche. Aber was sie finden, ist nur der deprimierende Alltag in der grauen Trabantenstadt eines ehemaligen Ostblockstaats.

Aktuelle Thematik

Was reizt die jungen Spieler an dieser geschichtlich in den Neunzigern zwischen Kommunismus und Kapitalismus eingeordneten Tristesse? „Auch wir sind alle am Überlegen, was wir nach der Schulzeit machen wollen und wo wir im Leben hinwollen“, erläutert Magdalena Rossing einen der Gründe, warum sich das Ensemble für das Buch und die Darstellung der in ihm angesprochenen Probleme entschieden hat. Stets aktuell sei das Thema, was Jugendliche suchen und vor allem auch wie sie suchen.

Trotz der brisanten sozialen Thematik, die das Buch ebenso anspricht und die Menschen vom Rand der Gesellschaft ins Zentrum des Geschehens rückt, ist es dem Ensemble gelungen, das Stück nicht als traurige Moralpredigt anzulegen. Vielmehr lässt es dem Zuschauer von der ersten Minute an keinen Moment, um inne zu halten. Dies liegt zum einen am konzentrierten und körperbetonten Spiel der gesamten Gruppe. Doch ebenso an der Sprache. Sie ist frech bis flapsig, aber vor allem derbe und provokant. Die Charaktere fluchen und beschimpfen sich in Gossensprache. „Wir hatten bei den Proben erst etwas Hemmungen, so zu sprechen“, gesteht Magdalena Bohn.

Keine Hemmungen

Diese haben sie mittlerweile abgelegt, so dass die jungen Darsteller besonders durch ihren Mut zur Provokation und ihre Lust am Spielen überzeugen. Und am Experiment: Videoeinspielungen fügen der Bühne Dimensionen hinzu. „So zeigen wir, dass es immer zahlreiche Blickwinkel gibt“, hilft Simon Stache bei der Interpretation.

Doch den Rest sollten sich die Zuschauer durch eigenes Nachdenken erschließen, fordern die Spieler. Die letzte Gelegenheit dazu gibt’s heute Abend ab 20 Uhr im Theaterstudio der Modellschule Obersberg. Man sollte sie unbedingt nutzen.

Von Stefanie Poppe

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