Bachs Weihnachtsoratorium, geleitet von Siegfried Heinrich, in der Stadthalle

Wohlfahrt über Klippen

Weit über 100 Sängerinnen und Sänger, Vokalsolisten und die Virtuosi Brunensis ließen am Sonntag unter der Leitung von Siegfried Heinrich weihnachtlichen Jubel in der Stadthalle erklingen. Foto:  Zacharias

Bad Hersfeld. Wie viele musikalische Plädoyers für Johann Sebastian Bach mag Siegfried Heinrich in seinem 50-jährigen Bad Hersfelder Wirken geliefert und damit ganze Generationen von Mitwirkenden und Zuhörenden erreicht und bereichert haben? Auch am 3. Adventssonntag 2009 war es wieder bewegend, ja rührend zu beobachten, wie über die Gesichter Anteil nehmender Menschen, selbst singender Solisten, ein Schimmer kindlicher Verzauberung huscht, wenn das Weihnachtsoratorium die Verklärung der Erdendinge durch eine schlichte Geburt in seine vertraute Klangaura fasst.

So unerschöpflich wie staunenswert sind das Werk wie seine Botschaft jedes Mal aufs Neue, weil der Vertrautheit immer auch ein Stück Entdeckerfreude beigemischt ist. Damit aber verändert sich Schritt für Schritt der Blick auf Bachs Weihnachtsmusik. Ja, der Bach-Aufführungsstil hat sich in den letzten 50 Jahren so fundamental gewandelt wie nie zuvor bei diesem 325-jährigen Großmeister im Reich der Töne.

Davon war bei Siegfried Heinrich in früheren Jahren mehr zu spüren. Das Beharren auf gewonnenen Überzeugungen scheint ihm nun, im Spätherbst seiner Musikerlaufbahn, mehr zu gelten als das Befolgen von Moden. Unverändert zahlreich die singenden Heerscharen des Hersfelder Festspielchores, der Konzertchöre aus Franfurt und Marburg (weit über 100 Aktive). Unverändert geradlinig des Dirigenten Vorstellung vom direkten Weg zum Ziel der dritten Kantate: „…weil unsre Wohlfahrt befestiget steht“. Es fordert Respekt, wie die Chöre eindringliche Überzeugungsarbeit leisten, speziell die Soprane auch stimmlich und technisch brillante, wie sie die wohlklingenden Choralstrophen gefühlsstark, doch nicht sentimental ausloten und variieren.

Echte Reifeprüfung

Zum Unerschöpflichen bei Bach gehören freilich auch die Schwierigkeiten, die heiklen Klippen und versteckten Stolperfallen. Für Instrumentalisten wie Vokalsolisten, eben für die Professionals, ist das Weihnachtsoratorium eine echte Reifeprüfung. Die meisten der hier Tätigen haben da noch ein Lernpensum vor sich. Welcher Tenor-Evangelist vermag schon, leicht, makellos und zugleich expressiv singend, die überreiche Erzählung aus Lukas, Kapitel 2, als Frohe Botschaft weiterzugeben? Welche Altistin vermag die von ebenso tiefem Glauben wie tiefer Emotionalität beseelten Arien-Worte, die ja die der Maria sind, gesanglich zu umkleiden und zu temperieren? Welche Sopranistin den Engelsjubel und das menschliche Hinschmelzen in einem veritablen Liebesduett als Leuchtfeuer aufblühen zu lassen? Daniel Wagner, Adelheid Krohn-Grimberghe und Claudia Götting vermochten es nur in spürbaren Grenzen. Einzig der kurzfristig eingesprungene Bassist Wieland Lemke stand mit schlanker, kerniger Stimmstatur über den Anforderungen seiner Partie.

Noch spürbarer zeigten sich Grenzen bei den Musikern der Virtuosi Brunenses. So vielfältig einsetzbar sie sich in Bad Hersfeld immer wieder erweisen, Bach ist nicht ihre Domäne – die Continuo-Cellistin Katarina Madariová ausgenommen. Zumal beim Oboenchor, Bachs Favoritabteilung, gibt es stattlichen Nachholbedarf.

Von Siegfried Weyh

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