Europolis 2050: Podiumsdiskussion „Die Macht der Erinnerung“

Von Wissenspflichten und blinden Flecken

Was Prof. Dr. Aleida Assmann, Moderator Kai Struthoff und Prof. Dr. Lutz Niethammer (hinten von links) vom Podium der Schilde-Halle herab erklärten, das übersetzte Inga Rüsen (2.v.l.) den jungen Europolis-Teilnehmern nahezu simultan ins Englische. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. Von „Wissenspflichten“ und „blinden Flecken“ war die Rede, als am Donnerstagsabend bei der zweiten Podiumsveranstaltung des internationalen Jugendforums Europolis 2050 „Die Macht der Erinnerung“ diskutiert wurde.

Zwischen der Pflicht, über die Geburt des modernen Europas aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs Bescheid zu wissen, und der ernüchternden Erkenntnis, dass gerade die Deutschen mit der Geschichte ihrer Nachbarn mitunter wenig anfangen können, entspann sich ein angeregter Dialog, in dem vor allem der unterschiedliche Umgang mit vermeintlich kollektiven Erinnerungen deutlich wurde.

So berichtete von wissenschaftlicher Seite die Anglistik-Professorin Dr. Aleida Assmann (Uni Konstanz) zwar von den Bemühungen, „europäische Gedächtnislandschaften“ und die gemeinsame Gewaltgeschichte in einem „Europa-Museum“ in Brüssel greifbar zu machen, doch sie war sich auch einig mit Prof. Dr. Jörn Rüsen, Präsident der Hersfelder Sommerakademie, der ein übergreifendes europäisches Gedächtnis verneint hatte. Rüsens These geht von „verschiedenen Gedächtnissen“ aus, die „Vieles gemeinsam haben“.

Der Essener Historiker Prof. Dr. Lutz Niethammer, neben Assmann der zweite hochrangige Gast auf dem Podium in der Schilde-Halle, erweiterte diese auf Länder und Völker bezogene Sichtweise auch auf die Generationen, denn unter jungen Menschen ist Europa derart selbstverständlich geworden, dass Vorteile und Werte von Außenstehenden höher eingeschätzt werden als von jungen Europäern selbst.

Dies veranlasste Moderator Kai Struthoff, Redaktionsleiter der Hersfelder Zeitung, zur provozierenden Frage, ob womöglich erst ein neuer Krieg vonnöten sei, um die europäischen Errungenschaften wieder wertschätzen zu können.

Selbstverständlich bekam Struthoff ein entschiedenes „Nein“ zur Antwort und von Aleida Assmann auch den Satz: „Wir haben einen europäischen Traum, dass aus Todfeinden friedlich kooperiende Nachbarn werden.“ Lutz Niethammer begründete sein „Nein“ mit dem geringen zeitlichen Abstand zum letzten Krieg. So würden die Deutschen bei entsprechender Gelegenheit noch immer als „Nazis“ beschimpft.

Andersherum, so Niethammer, ließen sich auch die positiven Erfahrungen mit Europa nicht einfach reproduzieren, wenn beispielsweise 40 Prozent der spanischen Jugendlichen ohne Arbeit seien.

Von Karl Schönholtz

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