Ärzte sorgen sich um abwandernden Nachwuchs, Geld und schwindende Kollegen

„Wir vermissen Respekt“

Nicht still, sondern fordernd: Die Gäste des Kolloquiums im Klinikum Bad Hersfeld, darunter Angestellte und Ärzte aus dem Landkreis, diskutierten mit und zeigten Probleme auf. Foto: Strecker

Bad Hersfeld. Wenn ein Chirurg einen Pharmavertreter in den Operationssaal zerrt, damit der ihm assistiert, weil kein anderer mehr da ist, können das Außenstehende kaum glauben. „Aber genau so ist die Situation mittlerweile“, sagte Prof. Dr. Almut Tempka von der Charité Berlin provozierend während einer Veranstaltung zum Thema Ärzteakquise im Klinikum Bad Hersfeld. Dort setzten sich Ärzte und Politiker unter der Gesprächsleitung von HZ-Geschäftsführer Markus Pfromm mit dem Problem auseinander, dass der medizinische Nachwuchs immer weniger wird.

„Wir vermissen Anerkennung und Respekt für unsere Arbeit“, sagte Prof. Dr. Rüdiger Volkmann, Chefarzt der Chirurgie am Klinikum Bad Hersfeld, zu Beginn eines Kolloquiums. Nicken auf dem Podium wie im Publikum. Die Bezahlung entspreche nicht der geleisteten Ausbildung und den vielen Stunden schwerer Arbeit, war man sich einig. Die Folgen: Der Beruf ist für die Jungen unattraktiv geworden, viele gehen wegen fehlender Studienplätze oder besserer Bezahlung ins Ausland.

Ein weniger düsteres Bild zeichnete Dr. Wolfgang Winges aus Bad Hersfeld von der Situation der Zahnärzte: „Das liegt wohl daran, dass unsere Ausbildung kompakter und die Spezialisierung inbegriffen ist.“

„Es geht uns nicht nur ums Geld. Auch das Wohlfühlen am Arbeitsplatz ist wichtig. Es kann doch nicht sein, dass in einer Abteilung in kurzer Zeit die komplette Belegschaft dreimal wechselt“, stieß ein Mitarbeiter des Klinikums während der Debatte heftig aus dem Publikum hervor. Auch Autorin Klara Ostmüller aus Fulda skizzierte kritische Zustände im Alltag von Kliniken, die Landrat Karl-Ernst Schmidt „betroffen“ machten.

Ein anderes Problem sprach Almut Tempka mit den Worten an: „Ärzte sollen wieder von Ärzten lernen. Nicht von Krankenschwestern.“ Die Zeit für Weiterbildung sei nämlich gar nicht vorhanden, da Mediziner bis zu einem Drittel ihrer Zeit mit Papierkram zu tun hätten.

Idee: Ärztehaus

Apothekerin Saskia Hildwein aus Bad Hersfeld nutzte die Möglichkeit der Podiumsdiskussion und stellte die Geschäftsidee eines Ärztehauses vor, dass es bald auch in Hersfeld-Rotenburg geben könnte. Kern dieses Modells ist es, dass sich mehrere Mediziner die Geräte und Räumlichkeiten von Praxen teilen und auf diese Weise ihr Risiko als Selbstständige senken. „Außerdem gibt es viele Ärztinnen, die für einen bestimmten Zeitraum weniger als 30 Stunden in der Woche arbeiten wollen. Das Ärztehaus wäre eine ideale Möglichkeit für sie“, sagte Hildwein.

Somit sind die Ideen für sowohl das Ärztehaus als auch die Akademie für hausärztliche Weiterbildung (siehe Titelseite) Bausteine für die landkreisweite Initiative, junge Ärzte in den Landkreis zu bekommen. Und sie zu halten.

Von Judith Strecker

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