Wie Horst Sachtleben seine Rolle und das Drama von Friedrich Schiller interpretiert

„Wir tun dem Tell unrecht“

Horst Sachtleben und Schauspielerin Angela Schlabinger beim Interviewtermin in der Festspielkantine. Schlabinger spielt die Gertrud Stauffacher und ist Regie-Assistentin der Tell-Inszenierung.

Ach nee, doch nicht den Tell! Heerscharen von Schülern mussten sich im Deutschunterricht durch Schillers Drama um den Schweizer Freiheitskämpfer und Tyrannenmörder quälen, der im 14. Jahrhundert gelebt haben soll. Am 17. März 1804 wurde das Stück am Weimarer Hoftheater uraufgeführt und gehört seither zu den Klassikern auf deutschsprachigen Bühnen. Der Rütlischwur, die berühmte Apfelschuss-Szene: Dunkel Erinnerungen an längst vergessene Deutschstunden werden wach. Zitate wie „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“ sind bei uns längst Sprichwörter.

„Wir tun dem Tell unrecht“, sagt Horst Sachtleben und verteidigt das Drama gegen genervte Schülervorurteile. „Dieses Stück wurde in einer großartigen Sprache von einem großartigen Autor geschrieben, und es hat uns immer noch etwas zu sagen“, meint Sachtleben, der in Holk Freytags Inszenierung die Rolle des betagten Freiherrn von Attinghaus spielt. Zusammen mit seinem Neffen, Ulrich von Rudenz, gespielt von Martin Bringmann – „der eigentlich aber nur scharf auf das schöne Ritterfräulein ist“ – habe er einige schöne Szenen in dem Stück.

„Attinghaus ist der typische Schweizer Adlige, dem Volk verbunden und doch etwas abgehoben. Er bildet sich etwas auf seine Position ein“, erklärt Sachtleben. Ihm seien die Schweizer sympathisch, nicht zuletzt wohl auch deshalb, weil seine Ehefrau, die Schauspielerin und Regisseurin Pia Hänggi, aus der Schweiz kommt. „Ich mag diese bürgerliche Behäbigkeit“, sagt Sachtleben.

In wüster Zeit

Dennoch sei das Stück immer noch zeitgemäß. „Wir erleben doch gerade wieder eine wüste Zeit“, sagt er. Die im Tell problematisierte Bedrohung der individuellen und staatlichen Freiheit sei jetzt erneut aktuell. „Wir müssen wieder zueinander stehen – und genau diese Botschaft vermittelt das Stück.“ (kai)

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