Montagsinterview mit Verdi-Geschäftsführerin Angelika Kappe zum Amazon-Streik

„Wir hoffen auf Einsicht“

Kämpft für einen Tarifvertrag bei Amazon: Angelika Kappe, Geschäftsführerin Verdi Osthessen. Mit Postkarten will die Gewerkschaft auch die Kunden des Onlinehändlers sensibilisieren. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. Einige hundert Beschäftigte von Amazon waren in der vergangenen Woche erneut dem Aufruf der Gewerkschaft Verdi gefolgt, im Kampf um einen Tarifvertrag die Arbeit niederzulegen. Nicht alle glauben an den Erfolg, das Unternehmen lehnt Gespräche weiterhin ab. Wir sprachen mit der Verdi-Geschäftsführerin für Osthessen, Angelika Kappe.

Seit April 2013 dauert der Arbeitskampf bei Amazon an - was haben Sie nach mehr als 40 Streiktagen erreicht?

Angelika Kappe: Jeder Streik führt dazu, dass Amazon seinen Beschäftigten mehr Geld zukommen lässt oder die Arbeitsbedingungen verbessert. Seit wir streiken, haben die Beschäftigten eine neue Kantine und eine Klimaanlage bekommen, ein freiwilliges Weihnachtsgeld wurde gezahlt und im September vergangenen Jahres gab es eine Lohnerhöhung. Unsere Mitglieder sind davon überzeugt, dass es das alles nicht gegeben hätte, wenn sie nicht streiken würden.

Dank unserer Bemühungen gibt es seit Ende 2014 am Standort Bad Hersfeld zudem einen Aufsichtsrat, wie er für Unternehmen mit mindestens 2000 Beschäftigten nach dem Mitbestimmungsgesetz vorgesehen ist. In diesem ist auch Verdi vertreten.

Glauben Sie denn ernsthaft, dass Amazon irgendwann einem Tarifvertrag zustimmen wird?

Kappe: Ja, das ist natürlich unser großes Ziel. Ich kann es allerdings überhaupt nicht einschätzen, ob es Amazon mit seiner strikten Ablehnung nur ums Prinzip geht, was in der sachlichen Auseinandersetzung die Argumentationslage ziemlich erschwert. Wenn es einfach nur Unwissenheit ist, lässt sich das sicher klären. Amazon betont ja immer, dass sie alles tun, was für die Kunden von Bedeutung ist.

Da stellt sich auch die Frage, ob ein Tarifvertrag den Kunden wichtig ist. Wir haben dazu eine Postkartenaktion gestartet und hoffen, dass irgendwann so viel Einsicht da ist, dass es zu Tarifverhandlungen kommt.

Vollzeitstellen, Muttischicht, ein Gehalt weit über dem Mindestlohn – warum braucht es überhaupt einen Tarifvertrag?

Kappe: Damit der Arbeitgeber nicht einseitig über die Lohn- und Gehalts- sowie die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten bestimmt. Das Tarifsystem in Deutschland soll auch dafür sorgen, dass in einer Branche ein gleiches Lohnniveau herrscht. Das nutzt der Wirtschaft und den Arbeitnehmern.

Unternehmen, die sich nicht daran halten, verschaffen sich damit im Übrigen wirtschaftliche Vorteile gegenüber den Mitbewerbern am Markt – auf dem Rücken der Beschäftigten.

Von der Lohnhöhe abgesehen, welche Kritik üben Sie an den Arbeitsbedingungen?

Kappe: Die Arbeitsleistung der einzelnen Mitarbeiter wird sehr streng überwacht und vor allen Kollegen angesprochen. Das ist für manche eine psychische Belastung. In Leipzig ist ein Beschäftigter abgemahnt worden, weil er sich laut Scanner innerhalb von fünf Minuten zweimal nicht bewegt hat. So etwas können wir nicht gutheißen.

Haben Sie denn selbst noch nie bei Amazon bestellt?

Kappe: (lacht) Doch, ich habe auch schon etwas bei Amazon bestellt. Allerdings über eine Kollegin, weil ich technisch so unversiert bin. Vor einigen Jahren haben wir eine Figur aus der Serie Lilo und Stitch für unseren Sohn zu Weihnachten bestellt, die es in Deutschland nicht zu kaufen gibt. Da war die Freude groß und der Glaube an den Weihnachtsmann gestärkt.

Kritiker werfen Ihnen unter anderem vor, den Standort zu riskieren. Sie befürchten eine Verlagerung zum Beispiel nach Polen …

Kappe: Das ist und bleibt die unternehmerische Entscheidung von Amazon, und wenn Amazon Standorte verlagern möchte, macht Amazon das. Egal ob wir streiken oder nicht. Davon bin ich fest überzeugt.

Immer wieder melden sich auch zufriedene Amazonier zu Wort, die das schlechte Betriebsklima seit Beginn der Streiks beklagen. Hat Verdi die Belegschaft gespalten?

Kappe: Verdi hat die Belegschaft nicht gespalten. Wenn überhaupt, macht das die Belegschaft selbst. Wir leben in einer Demokratie. Es gibt Beschäftigte, die sich organisieren wollen, und welche, die das nicht wollen, aber positive Errungenschaften gerne mitnehmen. Beide Seiten müssen sich gegenseitig respektieren und entsprechend miteinander umgehen.

In Ihrem Mitteilungsblättchen heißt es, man befinde sich noch relativ am Anfang der Auseinandersetzung und wolle nicht gleich sein ganzes Pulver verschießen. Was soll noch kommen?

Kappe: (lacht) Wir sind sehr kreativ in der Umsetzung. Bisher reichten unsere Aktionen vom ersten Outdoormeeting bis zum einwöchigen Streik im Weihnachtsgeschäft. Sechs von acht Standorten sind inzwischen beteiligt. Unser Ziel ist es, alle zu mobilisieren.

Ich sage immer: Wir organisieren uns erst deutschlandweit, dann europaweit, dann weltweit.

Von Nadine Maaz

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