Montagsinterview mit Andrea Zietz und Markus Gressmann, den Sprechern der Bürgerinitiative „Rettet den Stadtwald“

„Windkraft-Widerstand ist weiterhin wichtig“

Veteranen des Windkraft-Widerstands: Markus Gressmann und Andrea Zietz, die Sprecher der Bürgerinitiative „Rettet den Stadtwald“ in Bad Hersfeld. Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Sie sind die „Veteranen“ der Anti-Windkraft-Bewegung im Kreis: Andrea Zietz und Markus Gressmann, die beiden Sprecher der Bürgerinitiative „Rettet den Stadtwald“ in Bad Hersfeld. Mit ihnen sprach Kai A. Struthoff.

Lange nix mehr gehört. Haben Sie den Widerstand gegen die Windkraftanlagen aufgegeben?

Markus Gressmann: Nein, aber die Art der Auseinandersetzung ist eine andere geworden. Wir wirken jetzt mehr im Hintergrund, statt Konflikte in der Öffentlichkeit auszutragen. Zum Beispiel überprüfen wir die Genehmigungsauflagen, gegen die regelmäßig verstoßen wird. Außerdem gibt es noch weitere Flächen am Wehneberg, die ein geschickter Investor nutzen könnte. Auch das versuchen wir zu verhindern. Dazu die Planungen am Roteberg und im Rohrbachtal.

Dort wo Sie am Hof Wehneberg wohnen, sieht man die Windräder nicht mal. Gibt es tatsächlich Beeinträchtigungen?

Gressmann: Das kommt sehr auf die Wetterlage an. Bei Nordwind hört man ein störendes, pulsierendes Geräusch, aber nicht so deutlich wie etwa im Rohrbachtal. Schlimmer ist es allerdings bei dem Einzelgehöft am Wehneberg, da hört man die Anlagen sogar im Haus.

Andrea Zietz: Dort ist auch genau die Hör-Grenze. Ich bin da früher viel spazieren gegangen, aber das macht keinen Spaß mehr. Wenn man sich so intensiv wie wir damit auseinandergesetzt hat, ist dort nämlich nicht nur die Hör-, sondern auch die Ärger-Grenze.

Im Rohrbachtal leiden die Menschen allerdings mehr unter dem Lärm der Anlagen auf dem Wehneberg. Kann man für Sie noch etwas tun?

Gressmann: Auf jeden Fall. Man kann zum Beispiel mit einer konsequenten Nachtabschaltung für Entlastung sorgen. Uns ist es beinahe unangenehm, dass wir jetzt mit unseren Warnungen und Bedenken recht behalten, denn all das hatten wir prophezeit.

Zietz: Viele Rohrbacher waren selbst überrascht, dass die Lärmbelastung doch so hoch ist. Die Tallage macht sich aber eben doch bemerkbar.

Geben Sie Ihre Erfahrungen im Kampf gegen die Windkraftanlagen an die anderen Bürgerinitiativen im Kreis weiter?

Zietz: Wir bekommen durchaus Einladungen und Anfragen neu gegründeter Bürgerinitiativen. Wir haben ja einen Erfahrungsvorsprung, und den geben wir auch gern weiter.

Gressmann: Wir haben allerdings leider auch lernen müssen, dass Informationen über Fauna, Flora oder die Windhöffigkeit am Ende gar nicht so wichtig sind. Es geht den Projektierern vielmehr darum, dass Genehmigungsrecht so weit wie möglich auszureizen. Es geht nicht um Rotmilane und Fledermäuse, sondern um die juristische Finesse.

Auch beim Protest gegen die Stromtrassen geht es ja um Genehmigungsverfahren. Wäre es da nicht sinnvoll, die Bürgerproteste in einer schlagkräftigen Initiative zu bündeln, anstatt dass jeder vor sich hin muckelt?

Gressmann: Es gibt eine übergreifende Organisation namens Vernunftkraft. Aber jedes Dorf, jede Region hat ihre Besonderheiten. Das Entscheidende ist deshalb, dass sich die Bürger vor Ort engagieren - am besten zusammen mit den Lokalpolitikern, so wie jetzt beispielsweise im Rohrbachtal. In Bad Hersfeld gab es diesen Schulterschluss damals so leider nicht - im Gegenteil, hier wurde Beteiligung zum Teil aktiv verhindert ...

Andererseits arbeiten ja die Kommunen auch gegeneinander und setzten sich gegenseitig Windräder an die Gemarkungsgrenzen...

Gressmann: Ich glaube, es ist politisch gar nicht gewollt, dass hier koordiniert vorgegangen wird. Für die Projektierer ist es viel einfacher, ihre Einzelprojekte durchzuboxen, als ein Gesamtpaket genehmigt zu bekommen. Rund um Bad Hersfeld sind allein über 100 Anlagen geplant. Man kann übrigens davon ausgehen, dass Windkraftanlagen meist in wirtschaftlich eher schwachen Regionen geplant werden. Windkraft wird so zu einer Art Frühindikator für Regionen, die sich nach neuen Einnahmequellen umsehen.

Die Politik weist ja gern darauf hin, wie viele Beteiligungs- und Widerspruchmöglichkeiten es bei Projekten zur Energiewende gibt. Reicht das nicht aus?

Zietz: Häufig sind dieses Beteiligungsmöglichkeiten und Gesprächsangebote aus unserer Sicht nur Alibi-Veranstaltungen. In Bad Hersfeld hat man diese ins Leere laufen lassen. Da sehen wir den Hauptgrund, dass sich die Spannungen hier immer noch halten.

Sie waren mit Ihrer Bürgerinitiative auf allen Ebenen sehr aktiv, haben sogar einen Fachanwalt hinzugezogen, und trotzdem konnten Sie den Windradbau am Wehneberg nicht verhindern. Ist das nicht entmutigend?

Zietz: Eher im Gegenteil: Ich habe mir inzwischen angewöhnt, alles sehr viel kritischer anzusehen und nicht einfach geschehen zu lassen. Ich versuche mir, eine eigene Meinung zu bilden. Wir haben gesehen, mit welchem Halbwissen Entscheidungen zu Stande kommen. Deshalb bin ich jetzt sehr viel aufmerksamer.

Gressmann: Nur weil die Windräder auf dem Wehneberg stehen, ist das Thema doch noch nicht vorbei. Wir kämpfen jetzt für eine dauerhafte Nachtabschaltung, informieren den RP über Regelverstöße zum Beispiel, wenn die Anlagen gegen die Auflagen zum Fledermausschutz laufen. Je aktiver unser Widerstand weiterhin ist, umso unattraktiver wird es für Investoren, neue Anlagen zu bauen.

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