Montagsinterview mit Dr. Jürgen Döring über die guten Vorsätze zum neuen Jahr

Der Wille ist entscheidend

Die Balance muss stimmen: Für den Psychologen Dr. Döring ist Veränderung ebenso wichtig wie Akzeptanz.

Bad Hersfeld. Eine Couch gibt es nicht in Jürgen Dörings Büro, dafür aber zwei sehr bequeme Sessel. In der Klinik am Hainberg beantwortete der psychologische Psychotherapeut und leitender Psychologe der Abteilung Verhaltenstherapie Dr. Döring HZ-Mitarbeiterin Irene Radick Fragen zum Brauch der Neujahrsvorsätze.

Woher kommt der Brauch, gute Vorsätze zu machen?

Jürgen Döring: Dieser Brauch geht lange zurück. Es gibt die Sage, dass Wotan, der altgermanische Gott, zur Zeit der Wintersonnenwende durch den Himmel ritt und dass unsere Vorfahren ihm Wünsche und Vorsätze fürs neue Jahr mitgegeben haben.

Welche Vorsätze sind die häufigsten?

Döring: Dazu gibt es regelmäßig Forsa-Umfragen, jetzt für das Jahr 2011. Auf dem ersten Platz liegt mit 59 Prozent Stress vermeiden oder abbauen, den zweiten Platz belegt Zeit mit der Familie und Freunden verbringen mit 56 Prozent. Dritter Platz ist mehr Bewegung und Sport treiben mit 52 Prozent.

Gibt es auch Zahlen, wie viele es am Ende schaffen, wie viele 2011 durchgehalten haben?

Döring: 56 Prozent waren sich sicher, dass sie ihre Ziele erreichen würden, tatsächlich geschafft haben es aber nur zwölf Prozent in 2011.

Soll man lieber ein konkretes Ziel formulieren oder den Vorsatz eher vage halten?

Döring: Es ist immer sinnvoller, sich Ziele möglichst konkret zu setzen und in kleinen Schritten vorzugehen, während abstrakte Ziele schwer zu realisieren sind. Vorsätze also klar formulieren und am besten auch auf spezielle Situationen beziehen.

Sollte man sich für Erfolgserlebnisse belohnen, zum Beispiel immer am Ende eines durchgehaltenen Monats?

Döring: Das ist eine Technik, die sehr hilft. Es muss natürlich eine angemessene Belohnung sein. Also man sollte nicht ein Laster gegen ein anderes austauschen und sich für einen rauchfreien Monat mit Alkohol belohnen.

Was sollte man bei Misserfolgen machen?

Döring: Wichtige Frage, denn bei den allerwenigsten Menschen gelingt es von Anfang an, die Vorsätze durchzuhalten. Es ist in so einem Fall wichtig, nachsichtig mit sich selbst zu sein, anstatt sich selbst abzuwerten und runterzumachen. Sonst wird der Druck nur noch größer. Frauen können übrigens besser als Männer Misserfolge ausgleichen .

Sollte man sich nur einen Vorsatz nehmen und an dem besonders festhalten oder mehrere Ziele haben, um davon wenigstens einige zu erreichen?

Döring: Lieber nur einen. Es ist wichtig, dass man sich nicht zu viel zumutet und sich übernimmt, sondern die Ziele dosiert und begrenzt, dies zeigen auch die Erfahrungen aus der Psychotherapie. Auf ein Erfolgserlebnis kann man aufbauen und sich neue Ziele setzen.

Haben Sie Tipps zum Durchhalten:

Döring: Man hat dazu Untersuchungen gemacht, ganz entscheidend ist die Willenskraft. Und der Glaube an die Selbstwirksamkeit. Wenn ich glaube, dass ich enorm viel Energie und Kraft habe, sind die Chancen größer, dass ich auch durchhalte. Wichtig ist auch, dass man das Ziel selbst erreichen kann. Eine harmonische Partnerschaft zum Beispiel kann ein Einzelner nicht unabhängig vom Partner erreichen. Noch mal: Ziele sollten konkret, realistisch, positiv formuliert und in kleinen Schritten gangbar sein. Wer abnehmen will, sollte nicht nur sagen, er will zum Beispiel zehn Kilogramm abnehmen, sondern soll versuchen, sich vorzustellen, wie er aussehen würde, welche Kleidung man tragen könnte, wie viel besser man sich fühlen würde.

Was halten Sie persönlich von Neujahrsvorsätzen?

Döring: Für viele mag es sinnvoll sein, mit dem neuen Jahr Veränderungen anzugehen. Es kann jedoch hilfreich sein, alles einmal von einer anderen Seite zu sehen, gedanklich quasi „gegen den Strich zu bürsten“.

Es ist genauso wichtig, Probleme und eigene Defizite akzeptieren zu können. Gerade wenn man oft mit seinen guten Vorsätzen gescheitert ist, sollte man sich sagen: „Ich akzeptiere mich erst einmal trotz meiner kleinen Schwächen und Laster“. Es kostet nämlich enorm viel Kraft, sich gegen Fehler und Schwächen zu wehren, und diese Kraft fehlt dann in anderen Bereichen und auch für Veränderungen.

Warum sich nicht einfach mal vornehmen, dass man so bleibt, wie man ist?

Kommentare