250 Dinge, die wir an der Region mögen (125): Das Zuse-Haus in Neukirchen

Wiege der ersten Computer

NEUKIRCHEN. Der Gebäudekomplex in Neukirchen, in dem ein Stück Industrie-Weltgeschichte geschrieben wurde, fällt nicht groß auf. Nur die Außentreppen, die an zwei Häusern in den ersten Stock führen, sind markant. Ansonsten scheint es so, als ob hier die Zeit stehen geblieben ist, irgendwann in den 50er-Jahren. Wenn nicht eine Hinweistafel an der Wand des Vorderhauses hängen würde – niemand wüsste, dass hier einst die Wiege der ersten Computer gestanden hat.

In Neukirchen hatte die Zuse KG, die Firma des genialen Erfinders und EDV-Pioniers Konrad Zuse (1910 bis 1995), ihren ersten Sitz. Der studierte Bauingenieur aus Berlin hatte Mitte der 30er-Jahre die Schnauze voll von vielen Berechnungen per Hand. Lange Zahlenreihen waren ihm ein Greuel. „Ich bin einfach zu faul zum Rechnen“, erzählte er seinen Kollegen immer wieder. Er erfand einen Schaltautomaten, der ihm diese Arbeit abnahm. Die ersten Rechner wurden jedoch im Krieg in der Hauptstadt zerstört.

Sehr zuverlässig

Im Neukirchener Land fand Zuse eine neue Bleibe. In der alten Poststation der Haunetal-Gemeinde wurden von 1949 bis 1957 die ersten elektronisch gesteuerten Rechner der so genannten Z-Reihe bei der Zuse KG, die der Berliner zusammen mit seinen Studienkollegen Harro Stucken und Alfred Eckhard nach dem Krieg gegründet hatte, gebaut. Im Gegensatz zu den kleinen und heute wesentlich leistungsfähigeren Laptops und Personalcomputern waren die Z-Rechner riesige Ungetüme auf Röhrenbasis, die aber trotzdem für ihren technischen Stand sehr zuverlässig waren.

Einer der ersten Rechner aus der Neukirchener Werkstatt, ein Z4, wurde 1949 an die Eidgenössische Technische Hochschule nach Zürich verkauft. Dort versah er seinen Dienst bis Ende der 50er Jahre. Ein weiterer, in Neukirchen hergestellter Z4, steht heute noch im Deutschen Museum in München in der Informatikausstellung neben einem weiteren Computer aus Zuses Produktion – einem Z 22, später gebaut in Bad Hersfeld. Ein Exemplar dieser Baureihe wird, wie berichtet, derzeit im „wortreich“ in Bad Hersfeld aufgestellt.

Zuse erdachte auch eine der ersten Computersprachen, die er „Plankalkül“ nannte. Doch die Sprache war schnell überholt und wurde nur zu Demonstrationszwecken eingesetzt. Zuses Firma vergrößerte sich in den 50er Jahren schnell. Sie hatte bald fast 200 Mitarbeiter, viele kamen aus der näheren Umgebung. Der Umsatz stieg. Der Z11-Rechner, von dem in Neukirchen 48 Stück hergestellt wurden, kostete 120 000 Mark pro Stück. Zum Vergleich: Ein Facharbeiter verdiente damals im Schnitt 200 Mark.

Weil die Räume in Neukirchen auch bald zu eng wurden, zog das Unternehmen nach Bad Hersfeld um, wo es bald von Brown Bovierie & Cie und später dann von Siemens übernommen wurde. Wegen Überschuldung musste Zuse selbst seine Anteile an der Firma abgeben. Ihr Gründer starb 1995 in Hünfeld, ohne je selbst einen PC besessen zu haben.

Von Hartmut Wenzel

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