Von Kai A. Struthoff und Karl Schönholtz

Analyse der ersten Wedel-Spielzeit: Wichtig wird das nächste Jahr

+
Fulminanter Auftakt mit rotem Teppich: Dieter Wedel (links) mit Ministerpräsident Volker Bouffier.

Bad Hersfeld. Weniger Zuschauer, höheres Defizit: Wer die Bilanz der ersten Spielzeit auf diese einfache Formel bringen will, der greift zu kurz. Denn unter dem neuen Intendanten Dieter Wedel sind tiefgreifende Veränderungen der Bad Hersfelder Festspiele begonnen worden. Grund genug, genau hinzusehen.

Warum kamen weniger Besucher als im Jahr 2014? 

Die Gründe sind vielfältig. Der Festspielstreit vom Vorjahr hat sicher viele treue Besucher verunsichert. Das neue Konzept von Dieter Wedel musste erst publik gemacht werden. Das dauert. Außerdem stehen in der Stiftsruine inzwischen 400 Sitzplätze weniger zur Verfügung, weil aus Sicherheits- und Komfortgründen die Tribüne verkleinert wurde – was die meisten Besucher loben. „Wir können nur die Sitzplätze verkaufen, die wir haben“, heißt es daher von Wedels Team unisono. Die Auslastung von durchschnittlich 88 Prozent ist respektabel, aber nach Wedels Meinung noch steigerungsfähig. Seine Messlatte ist Worms, wo die Auslastung bei 99 Prozent lag. Festzuhalten für 2015 ist: Bei den Zuschauerzahlen greift der Wedel-Effekt noch nicht ganz, wie erhofft.

Wie kommt das neuerliche Defizit zustande? 

Keine Frage: 175 000 Euro fehlen, das ist kein Pappenstiel zumal Stadt und Land gegenüber dem Etat von Holk Freytag auch schon jeweils 300 000 Euro draufgesattelt hatten. Deshalb ärgert sich Dieter Wedel auch ganz besonders über diese „Miesen“. Auch hier ist wohl eines zum anderen gekommen: Die Einführung des Mindestlohns betrifft auch die Festspiele, ein technischer Investitionsrückstau, ein Verkehrsunfall, nach dem ein Transporter ersetzt werden musste, neue Auflagen der „Versammlungsstättenverordnung“ wonach jetzt beispielsweise immer ein Elektriker vor Ort sein muss, und der Ausfall eines Sponsors haben sich summiert.

Ist diese Begründung eigentlich akzeptabel? 

Sie ist zumindest nachvollziehbar, aber wird sicherlich zu Diskussionen in der Stadtpolitik führen. Immerhin ist Holk Freytag wegen der angeblichen Nicht-Einhaltung seines Budgets gekündigt worden. Andererseits machen die 175 000 Euro nicht einmal drei Prozent des Gesamtetats von über sechs Millionen Euro aus. In anderen Unternehmen wären das wohl „Peanuts“. Die große Frage ist, inwieweit es Dieter Wedel auch wirklich gelingen wird, weitere Sponsoren zu gewinnen. Dem Vernehmen nach ist er dabei auf einem guten Weg.

Was ist gut gelaufen, in Wedels erster Spielzeit? 

Man redet wieder über Bad Hersfeld – das ist der wichtigste Wedel-Effekt. Auch die Politik in Berlin und Wiesbaden hat wieder Vertrauen in unsere Festspiele und ist bereit, weiter Geld zu geben. Die vielen Stars und zahlreiche Neuerungen wie der Rote-Teppich, das Konzept für den Park, die neue Gastronomie in den Zelten und die Pause in den Stücken wurden überwiegend positiv aufgenommen. Und die mediale Resonanz ist riesig. Gute Voraussetzungen für 2016.

Was ist das Fazit der ersten Spielzeit von Dieter Wedel? 

Der neue Intendant hat den vom Bürgermeister gewollten und vielen anderen oft beschworenen Wechsel bei den Bad Hersfelder Festspielen eingeleitet. Veränderungen brauchen Zeit. Ein direkter Vergleich zwischen der Freytag- und der Wedel-Spielzeit wäre daher unfair, zumal der neue Intendant selbst zugibt, bei manchen Entscheidungen „mit dem Rücken zur Wand“ gestanden zu haben. Ein echte Bilanz kann man daher erst nach Ende der nächsten Wedel-Spielzeit ziehen. Diese Zeit hat er sich verdient.

Mehr zum Thema lesen Sie in der HZ von Dienstag.

Kommentare