Bildhafte Lukaspassion in der Stadthalle

Wenn das Gewissen zittert

Georg Philipp Telemanns Lukaspassion aus dem Jahr 1744 erklang bei den Bach-Tagen in der Bad Hersfelder Stadthalle. Foto: Rothe/nh

BAD HERSFELD. Erfrischend ist nicht unbedingt ein Ausdruck, mit dem man eine Vertonung der Leidensgeschichte Christi charakterisieren würde. Genauso wirkte jedoch die Komposition, die am Karfreitag in der Stadthalle aufgeführt wurde: Unter der Leitung von Professor Siegfried Heinrich erklang bei den „41. Internationalen Bach-Tagen in Hessen und Thüringen“ Georg Philipp Telemanns Lukaspassion aus dem Jahr 1744.

Telemann zählt mit seinen rund 3600 Werken, darunter allein 46 Passionen, zu den produktivsten Komponisten überhaupt. Und er ist ein Paradebeispiel dafür, wie stark das Ansehen eines Musikers im Laufe der Zeit schwanken kann.

Bach damals nur Mittelmaß

Heute mag man über diese Begebenheit staunen: Als im Jahr 1722 der Leipziger Stadtrat einen Nachfolger für den verstorbenen Thomaskantor suchte, war Telemann der Favorit, und erst nachdem er und ein weiterer Kandidat abgesagt hatten, wurde Johann Sebastian Bach zum Thomaskantor ernannt. „Da man die besten nicht bekommen könne, müsse man mittlere nehmen“, lautete damals ein Kommentar zu Bachs Berufung.

Die Nachwelt hat dieses Urteil gründlich umgekrempelt. Während Bach gerechterweise immer mehr Wertschätzung gewann, wurde der einstige Star Telemann zum oberflächlichen Vielschreiber abqualifiziert. Heute urteilt man ausgewogener, denn man verehrt Bachs Tiefe und Komplexität, findet aber auch Gefallen an Telemanns Musik, die etwas Frisches, Leichtes, manchmal auch pikant Experimentierfreudiges ausstrahlt.

Ein Ohrwurm in seiner Lukaspassion ist die Sopranarie „Wie sich ein winz’ges Lüftchen regt“. Charmant illustriert Telemann einen Windhauch, um dann das Zittern des bösen Gewissens mit sinnfälligen Tonwiederholungen darzustellen. Julie Grutzka machte mit ihrem beweglichen, glasklaren Sopran das Vergnügen an dieser pfiffigen Bildhaftigkeit komplett.

Sehr gut gefiel auch der markante Bariton von Florian Dengler, der anrührend die ariose Partie des Christus sang. Viel gefordert war der Tenor Jason Jaesuk Kim als Evangelist und Arien-Sänger – eine versierte Darbietung, wenn auch mit etwas gepresstem Klang. Manuel Ried überzeugte mit einer weiteren schlanken Tenorstimme.

Umsichtig leitete Siegfried Heinrich, ein intimer Kenner des Werks, der es auch schon in einer Aufnahme dirigiert hat, die Instrumentalisten und Sänger. Die Virtuosi Brunenses spielten auf modernen Instrumenten, was ein eher weiches als schneidiges Klangbild ergab. Stets gut durchhörbar klang das 75-stimmige Kollektiv aus dem Hersfelder Festspielchor, dem Frankfurter und Marburger Konzertchor in den Chorälen, den packenden Volkschören und dem expressiven Gesang „Ach, klage, wer nur klagen kann“. Bewusst verzichteten die 500 Zuhörer nach dem Passionskonzert, das vom Arbeitskreis für Musik veranstaltet worden war, auf Schlussbeifall. Still gingen sie am Karfreitag auseinander.

Von Georg Pepl

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