61. Bad Hersfelder Festspiele: „Der Name der Rose“ setzt auf starke Bilder

Die Welt im Spiegel

Wissen ist Macht, und noch mächtiger ist, wer das Wissen kontrolliert. Im Scriptorium des Klosters diskutieren die gelehrten Mönche zum Beispiel über die Frage, ob Christus auch gelacht hat. Alle Fotos: drama-berlin/Iko Freese

Omnis mundi creatura quasi liber et pictura nobis est et speculum*

Bad Hersfeld. Ist das die Apokalypse? „In diesen Tagen brechen Reiche zusammen. Falsche Herrscher kommen. Felder sind von Giften verseucht. Erdbeben. Sturmwinde. Syrien bricht zusammen.“ Es ist ein Schreckensbild, das der greise, blinde Jorge von Burgos von der Kanzel herab zeichnet. Die Welt im Jahr 2011? Oder doch nur ein abgelegenes Kloster im Norditalien des Jahres 1327?

Die Probleme des Mittelalters sind heute noch aktuell. So wie Umberto Eco in seinem Roman „Der Name der Rose“ Parallelen zum Italien der Neuzeit aufzeigt, inszeniert Festspiel-Intendant Holk Freytag seine „Rose“ als ein Spiegelbild des heutigen Europas, ja, der globalisierten Welt. Stritten die Mönche einst um die Armut Christi und die Prunksucht der katholischen Kirche, so wird heute um EU-Hilfen und Euro-Rettungsschirme für zusammenbrechende Reiche diskutiert.

Grandioser Chor

Freytag setzt auf starke Bilder, die von durchweg starken Schauspielern und dem grandiosen Mönchschor getragen werden. Helgo Hahn und der Chorverein sorgen für Gänsehautatmosphäre. Hauptdarsteller ist aber die Ruine, die wohl noch nie so perfekt als Kulisse diente und gekonnt in ihrer ganzen Tiefe bespielt wird. Diana Pähler (Bühne), Michaela Barth (Kostüme) und Wolfgang Schmidtke (Musik) schaffen ein stimmungsvoll-düsteres Bild.

Sogar das Premierenwetter macht mit – und so ist das Mittelalter made in Hersfeld sinister, kalt und nass. Kunstnebel umwabert die Pilaster, Feuertöpfe und Öllampen werfen diffuse Schatten, umflort von den tieftraurigen gregorianischen Chorälen der Mönche.

Man beneidet William von Baskerville – trotz kurzer Probenzeit überzeugend und souverän gespielt von Bernd Kuschmann – nicht um seine Aufgabe, in diesem Irrenhaus voller wolllustiger Intriganten die Wahrheit zu finden. „Die Wahrheit macht frei“, weiß William, doch muss er lange danach suchen in diesem geistigen und irdischen Labyrinth.

Ein wenig verirrt sich darin auch die Inszenierung. Eigentlich scheint es schier unmöglich, aus dem 634 Seiten starken Roman, der als Hörbuch 1581 Minuten, also über 26 Stunden lang ist, ein Zwei-Stunden-Stück zu machen. Das geht nur durch radikale Kürzung und inhaltliche Kompromisse.

Holk Freytag liegt an der Auseinandersetzung mit dem Glauben, der Verortung im europäischen Kontext. Und doch ist es der Kriminalfall, der die Handlung treibt wie auch die Liebesgeschichte mit dem namenlosen Mädchen. Mit all dem wirkt das Stück etwas überladen.

Irren im Labyrinth

Wer das Buch nicht kennt, oder wenigstens den Film, der läuft Gefahr, sich in dem Labyrinth der verschiedenen Handlungsstränge zu verirren. Es obliegt den Schaupielern, sie zu entwirren. Ungewöhnlich ist, dass zumindest einige stimmlich durch Mikrophone verstärkt werden. So aber kann Emanuela von Frankenberg als Jorge von Burgos schaurig-schön ihre apokalyptische Botschaft akustisch verhallt von der Kanzel wettern. Kalt und grausam Markus Gertken, der als Inquisitor Bernard Gui erneut ein Meisterstück seiner Schauspielkunst zeigt. Anrührend der junge Adson von Melk (Cyril Elias Sjöström) hin- und hergerissen im Strom der starken Emotionen. Anmutig Andrea Cleven als das Mädchen, das alle betört.

Überzeugend agieren auch die anderen Mönche. Publikumsliebling ist der hässliche Salvatore (Lars Weström), der einem Derwisch gleich über die Bühne tobt und in wirrem Kauderwelsch brabbelnd trotz aller Traurigkeit des düsteren Ortes zum verbotenen Lachen reizt.

Wissen ist Macht

„Lachen vertreibt die Angst, doch das Gesetz verschafft sich Geltung durch Angst“. Der blinde Jorge hat diese eherne Regel, die bis heute gültig ist, erkannt und will deshalb das Lachen verbannen und das Wissen der Welt, die Bücher – die Macht–, kontrollieren. Zuletzt geht alles in Flammen, gleichsam dem Fegefeuer des Fanatismus, auf. Ein letztes starkes Bild dieser zwiespältigen Inszenierung, die viel will, obwohl weniger womöglich mehr gewesen wäre.

Das Publikum spendete trotzdem lange Beifall.

*Jedes Geschöpf der Welt ist für uns ein Buch und Gemälde und Spiegel. Umberto Eco, „Der Name der Rose“

Von Kai A. Struthoff

Kommentare