Tilt-Shift erobert Fotografie und Fernsehen – Wir erklären, was dahinter steckt

Die Welt im Mini-Format

Das Lullusfest im Miniaturformat: Auch unser Fotograf Ludger Konopka hat mit dem Tilt-Shift-Verfahren experimentiert. So gelang ihm diese interessante Ansicht aus dem Riesenrad auf das Lullusfest. Foto und Nachbearbeitung: Ludger Konopka

Bad Hersfeld. Deutschland schrumpft. In Hamburg eröffnet ein Miniaturflughafen, beim Eurovision Songcontest wird Deutschland in XXS-Bildern präsentiert und in der Werbung ist es ein beliebtes Stilmittel der Mobilfunkanbieter: Deutschland in mini hat Konjunktur.

Doch was steckt eigentlich hinter diesen Bildern? Wo kommen sie her, diese Aufnahmen von kleinen Menschen, die im Zeitraffer ihrer Arbeit nachgehen? Von winzigen Autos, die über Straßen fahren und an klitzekleinen Ampeln halten? Von Schiffen, die auf Pfützen ihre Runden drehen? Das Zauberwort heißt Tilt-Shift.

Tilt-Shift ist ein Effekt, der sich mit Spezial-Objektiven erreichen lässt. Dabei wird durch Verschieben (englisch: shift) und Verschwenken (englisch: tilt) des Linsensystems gegenüber der Filmebene eine geringere Schärfentiefe simuliert. Klingt kompliziert? Ist es auch ein bisschen. Und vor allem ganz schön teuer. Zwischen 1000 und 3000 Euro für ein Objektiv können fällig werden. Doch es geht auch einfacher und vor allem billiger. Die passende Software macht es möglich.

Wer es sich ganz einfach machen will, der schießt mit seiner Kamera ein normales Bild und bearbeitet es dann auf Seiten wie www.tiltshiftmaker.com (kostenpflichtig) oder www.labs.artandmobile.com/tiltshift (kostenlos). Letzteres Programm gibt es mittlerweile auch für Handys wie das iPhone. Dort werden verschiedene Möglichkeiten angeboten, das Motiv zu miniaturisieren. Zunächst wird ein Bereich ausgewählt, der am Ende „scharf“ sein soll. Das sollte in der Regel etwas Interessantes sein, auf das mit dem „Entschärfen“ des Drumherums zusätzlich hingewiesen werden soll. Anschließend kann mit weiteren Veränderungen von Farb-Sättigung, Helligkeit und Vignettierung nachgeholfen werden, den Effekt des Miniaturisierens zu steigern.

Aber eignet sich jedes Bild für eine Tilt-Shift-Bearbeitung? Die Antwort lautet nein. Eine Blume im Garten vor unscharfem Hintergrund ist dank Makro-Fotografie Normalität. Auch Porträt oder Halb-Totale eignen sich kaum. Das Spiel mit der Unschärfe ist hier zu verbreitet.

Totalen sind interessanter

Interessanter wird es bei großen Übersichtsbildern, so genannten Totalen. Ein Straßenzug von oben fotografiert und eine idyllische Landschaft mit eingebettetem Dorf sind für das Tilt-Shiften optimal. Wie bei einem Miniatur-Land, wo die Augen auf bestimmten Szenen verweilen, während der Rest verschwommen ist, kann hier der Akzent auf einen bestimmten Ausschnitt gelegt werden.

Immer beliebter

Ähnlich wie die HDR-Fotografie, bei der durch Zusammenführung unterschiedlich belichteter Aufnahmen eine besondere Detailtreue des Motivs erreicht werden soll, erfreut sich die Tilt-Shift-Fotografie seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit. Grund sind vor allem die sich neu bietenden Software-basierten Möglichkeiten. Aus einfachen Schnappschüssen wird mit ein wenig Nachbearbeitung eine neue, spannende und besondere Sichtweise geschaffen. Einfach mal ausprobieren!

Von Jörgen Camrath

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