Nachdenkliche Diskussion über die Vor- und Nachteile der Präimplantationsdiagnostik in der Hainbergklinik

Welches Leben ist wertvoll?

Sie diskutierten ein schwieriges Thema: René Röspel (MdB-SPD), Klaus Rampold (Landesbehindertenrat), Michael Roth (MdB-SPD), Pröpstin Sabine Kropf-Brandau, der Humangenetiker Dr. Moritz Meins und Gastgeber Martin Ködding, Geschäftsführer des Klinikums (von rechts). Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Im Juni stehen die Abgeordneten des Deutschen Bundestages vor einer schwierigen Gewissensentscheidung: „Wo beginnt und wo endet die Würde des Menschen“ – so beschreibt der SPD-Bundestagsabgeordnete Michael Roth den Kern der Diskussion um die sogenannte Präimplantationsdiagnostik (PID).

Sie ermöglicht es, künstlich befruchtete Eizellen auf genetische Erkrankungen wie etwa Huntington oder Mukoviszidose zu untersuchen – und sie dann gegebenenfalls nicht einzupflanzen. Kritiker warnen vor einem „Ausleseprozess“, den sie als als Eingriff in die Schöpfung werten.

Kein Richtig und kein Falsch

„Es gibt kein Richtig und kein Falsch“, sagte Roth zu Beginn der Diskussion vor etwa 40 Zuhörern in der Hainbergklinik. Er selbst sei für ein Verbot der PID. Sein Parteifreund, der Hagener SPD-Ethikexperte René Röspel, führte danach in das Thema ein. Er erklärte, dass viele Eltern, die um genetische Vorerkrankungen wissen, in schweren Gewissensnöten sind.

Sollen sie ein behindertes Kind auf die Welt bringen? Zwischen 200 und 800 Paare nehmen laut Röspel die Möglichkeiten der PID pro Jahr in Deutschland in Anspruch. Der Bundesgerichtshof lässt PID in schwerwiegenden Fällen zu. Im Ausland gebe es hingegen teilweise sehr viel weitreichendere Möglichkeiten.

Der Bundestag soll nun eine Grundsatzentscheidung treffen. Dabei ist das Gremium über alle Parteigrenzen hinweg gespalten. Rund ein Drittel der Abgeordneten lehnt die PID komplett ab, andere sind für Ausnahmen bei entsprechenen genetischen Veranlagungen der Eltern. Röspel selbst tritt für einen dritten Gesetzentwurf ein, der das Risiko von Fehl- und Todgeburten ausschließen will.

Auch die Kirche ist in dieser Frage uneins, berichtete Pröpstin Sabine Kropf-Brandau. „Alle Positionen ersparen nicht persönliches Leid“, sagte sie. Eltern wünschen sich ein gesundes Kind. „Es ist aber nicht möglich, zwischen wertvollem und unwertem Leben zu unterscheiden.“ Alle Menschen seien ein Ebenbild Gottes. Leben sei nicht planbar. „Jeder Mensch ist einzigartig.“ Sie selbst sei für ein Verbot von PID. Niemand solle sich je für eine Behinderung rechtfertigen müssen. „Wenn man das Tor öffnet, dann gibt es kein Halten mehr“, warnte sie.

Der Humangenetiker Dr. Moritz Meins sprach sich für eine begrenzte Zulassung von PID aus, gab aber zu, dass die Grenzen schwierig zu definieren seien. Er fürchte nicht, dass künftig womöglich Eltern Designerbabys mit Wunschhaarfarbe kreieren könnten. Wenn es allerdings die Möglichkeit gebe, schwere Krankheiten zu vermeiden, wäre es nicht richtig, dies den Eltern vorzuenthalten.

Ethische Grenzen

Klaus Rampold vom Landesbehindertenrat berichtete, dass viele Betroffene die PID auf ganzer Linie ablehnten. „Behinderungen sind heute eine selbstverständliche Lebenswirklichkeit“, stellte er fest und warnte mit Blick auf die Euthanasie der Nazizeit vor einer Einteilung in lebenswertes und unwertes Leben aus. „Nicht alles, was medizinisch möglich ist, hält ethischen Kriterien stand“, sagte Rampold. Dennoch plädierte er dafür, die Präimplantationsdiagnostik in bestimmten Fällen zuzulassen und diese Entscheidung in die Verantwortung der Eltern zu legen.

„Bei allem Verständnis für die individuelle Lage der Eltern muss der Gesetztgeber eine allgemeingültige Entscheidung treffen“, machte René Röspel abschließend klar – und das ist eine schwere Entscheidung.

Von Kai A. Struthoff

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