Oper in der Stiftsruine: Heute hat Beethovens einzige Oper „Fidelio“ Premiere

Welch ein Augenblick!

Das glückliche Ende ist nahe: Don Fernando (Martin Kronthaler, mitte) weist Don Pizarro (Riccardo di Francesco, vorne links) in seine Schranken und sorgt so für Gerechtigkeit. Leonore alias Fidelio (Maria Gessler, rechts außen) nimmt Florestan (Anton Saris, rechts außen) die Fesseln ab. Fotos: Landsiedel

Bad Hersfeld. Eine Heldin, voilà! Eine, der an Mut und Entschlossenheit, Leidenskraft und Geistesgegenwart, Gerechtigkeitssinn und Mitmenschlichkeit wenige auf der Opernbühne gleichkommen. „Wer ein solches Weib errungen, stimm’ in unsern Jubel ein!“ – da gerät am Schluss alles außer sich vor „namenloser Freude“, die das wiedervereinte Paar soeben besungen hat.

Zwei Auftritte zuvor in diesem höchst gespannten zweiten Akt gerät sie selbst außer sich, die Heldin, Leonore, genannt Fidelio. Da wächst sie noch über sich hinaus, gibt sich zu erkennen, indem sie dem Unmenschen Pizarro die Pistole vorhält und ihm die Worte entgegenschleudert: „Töt’ erst sein Weib!“ Die Sängerin muss bei diesen vier Silben um eine Quinte auf das hohe B springen, eine maximale stimmliche Beanspruchung, die dem Schrei nahekommt. Wenig später die tiefe Rührung, als sie dem gefesselten Gatten Florestan die Ketten abnimmt: „O Gott! Welch ein Augenblick!“ Wohl die erhabenste Werkpassage neben den beiden großen Arienkomplexen, dem Duett und dem Gefangenenchor.

Als das klassische Exemplar einer Rettungsoper gilt der „Fidelio“ des Ludwig van Beethoven. Und klassisch ist alles an diesem ins Individuelle gekehrten Revolutionsstück: Die Rettungsthematik mit lauter Überlebenden, die schrittweise Wandlung vom Realismus zum Idealismus, ja zur moralischen Vorbildlichkeit, der „Deus ex machina“ in Gestalt der höchstgestellten Person, der musikalische Aufbau als wohlabgewogene Nummernfolge, selbst die verkraftbare Spieldauer von weniger als zwei Stunden für zwei Akte.

Historisches Vorbild

Für die Leonore gab es tatsächlich ein historisches Vorbild.: Die Gräfin Blanche de Semblancay aus der Touraine, die, als Bäuerin verkleidet, während der Französischen Revolution ihren als Konterrevolutionär eingekerkerten Ehemann mutig befreite. Der Advokat und Literat Jean-Nicolas Bouilly, juristisch mit dem Fall befasst, verfertigte alsbald aus dem Erlebten ein Operntextbuch für den Komponisten Pierre Gaveaux. „Léonore ou l’Amour conjugal“ (Leonore oder Die eheliche Liebe) kam 1798 in Paris heraus und wurde neben den italienischen Stoffvertonungen durch Ferdinando Paer und Simon Mayr für Beethoven zum Ideengeber. Wie die Kollegen verlegten auch Beethovens deutsche Librettisten Joseph Sonnleitner und Friedrich Treitschke die Opernhandlung aus politischer Rücksichtnahme nach Spanien, in ein Staatsgefängnis nahe Sevilla.

Der Komponist machte sich die Arbeit an seiner „Leonore“ nicht leicht. Das erhaltene umfangreiche Skizzenbuch zeugt davon. Dennoch brachte die Wiener Uraufführung am 20. November 1805 nur geringen Erfolg, was auch an den lokalen Zeitumständen lag (Besetzung Wiens durch Napoleons Truppen). Nicht besser erging es am 29. März 1806 einer zweiten, gekürzten Fassung.

Erst die am 23. Mai 1814 herausgekommene dritte und endgültige Fassung, nun unter dem Werktitel „Fidelio“, führte zum Durchbruch. Heute zählt „Fidelio“ zu den meistgespielten Opern des Repertoires.

Von Siegfried Weyh

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