Professor Axt-Fliedner informierte Hersfelder Gynäkologen über Pränataldiagnostik

Die Weichen richtig stellen

Professor Roland Axt-Fliedner.

Bad Hersfeld. Bei Babys im Mutterleib schaut Professor Dr. Roland Axt-Fliedner ganz genau hin. Er ist der Leiter der Pränataldiagnostik am Uniklinikum Gießen und hielt jetzt einen Vortrag über „Das Herz des Ungeborenen“ für Frauenärztinnen und -ärzte in Bad Hersfeld.

Riskante Transporte vermeiden

Angeborene Herzfehler sind die häufigsten Fehlbildungen, die Kinder haben können, erläutert Axt-Fliedner im Gespräch mit der Hersfelder Zeitung. Acht von 1000 Kindern, die lebend auf die Welt kommen, haben einen solchen Fehler. Wenn nun ein Herzfehler schon vor der Geburt bei einer Ultraschalluntersuchung im Mutterleib entdeckt wird, „ermöglicht das Weichenstellungen“, sagt Axt-Fliedner. Zum Beispiel wird der Mutter empfohlen, ihr Kind in einer Klinik auf die Welt zu bringen, in der es auch eine Kinderkardiologie gibt, um riskante Transporte nach der Geburt zu vermeiden. Viele Kinder müssen gleich nach der Geburt operiert werden.

In seltenen Fällen kann es auch notwendig sein, das Kind noch vor der Geburt zu operieren. „Gerade wenn es darum geht, enge Klappen zu eröffnen, ist das sinnvoll“, erklärt Axt-Fliedner. Bisher gebe es nur ganz wenige Zentren auf der Welt, in denen solche fetalchirurgischen Eingriffe möglich seien. Wenn es nach ihm geht, wird die Uniklinik Gießen bald dazu gehören. Dennoch ist er vorsichtig: „Da muss man auch sehr zurückhaltend sein und darf sich nicht am technischen Erfolg ergötzen“, plädiert er für eine äußerst sorgfältige Prüfung jedes Einzelfalls.

Das gilt auch für alle anderen Fehlbildungen und Behinderungen, die bei Ungeborenen festgestellt werden. Viele Frauen, deren Gynäkologen Probleme bei ihren Babys vermuten, werden in die Uniklinik Gießen geschickt. Dort nimmt Professor Axt-Fliedner sich viel Zeit für Gespräche mit den Frauen, vor und nach der Untersuchung. Eingriffe, wie eine Punktion zur Fruchtwasseruntersuchung, die ihrerseits mit einem gewissen Risiko verbunden ist, sind nach dem Beratungsgespräch und der Ultraschalluntersuchung oft nicht mehr nötig.

Netzwerk für Beratung

Und wenn tatsächlich eine Behinderung bei einem Ungeborenen festgestellt wird, gibt es ein Netzwerk von psychosozialen Beratungsstellen, damit die Eltern mit der erschreckenden Nachricht und der daraus zu ziehenden Konsequenz nicht alleine sind. Auch Fachärzte anderer Disziplinen werden hinzugezogen, die den Eltern zum Beispiel sagen können, wie die bei ihrem Kind festgestellte Krankheit sich vermutlich entwickeln wird.

Zunehmend mehr Frauen, so hat Prof. Axt-Fliedner erfreut festgestellt, entscheiden sich dafür, ihr Kind trotz der Behinderung zu bekommen. Relativ selten seien Schwangerschaftsabbrüche mit medizinischer Indikation, die auch nach der 14. Schwangerschaftswoche möglich seien. „Das sind nur zwei Prozent der Abbrüche“, zitiert Axt-Fliedner die Statistik. Er begrüßt es zudem, dass der Gesetzgeber inzwischen eine mindestens dreitägige Beratungsfrist vor einem solchen Abbruch vorschreibt.

Praktisch ausgeschlossen ist es seiner Überzeugung nach, dass mit einer medizinischen Indikation gesunde Kinder getötet würden.

Auf jeden Fall wünscht sich Professor Axt-Fliedner, dass jede Frau während ihrer Schwangerschaft einmal von einem speziell ausgebildeten Pränataldiagnostiker untersucht wird, um mögliche Fehlbildungen frühzeitig zu erkennen und Probleme nach der Geburt zu vermeiden.

Von Christine Zacharias

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