Wechselspiele oder wohin der Wind uns weht

Kai A. Struthoff

Finanzämter gehören gemeinhin nicht zu den Lieblingsorten einer Region – das geht dem Bayern-Uli nicht anders als als uns Normal-Bürgern. Vielleicht liegt es ja daran, dass uns unser Finanzamtschef Frank Drill von der Öffentlichkeit fast unbemerkt verlustig gegangen ist. Der wackere Finanzbeamte seit Jahresbeginn neuer Vorsteher im Finanzamt Hofheim. Wahrscheinlich sind dort, im schönen Taunus, die Einnahmen auch noch etwas besser als bei uns. Unser Kreis steht derweil unter kommissarischer Leitung von Marc Nippert. Von Schweizer Verhältnissen sind wir also gottlob noch weit entfernt.

Während bei Verdi an diesem Wochenende die Wahlzettel der Urabstimmung über einen Streik bei Amazon ausgezählt werden, rüstet man sich im Logistikzentrum an der Oberen Kühnebach für den Besuch von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück am Montag. Zuerst sah es so aus, als ob er dabei nur mit Gewerkschaftsvertretern zusammenkommen würde, denn die Geschäftsleitung hatte „Meetings“. Nun aber wird wohl Logistik-Chef Armin Cossmann persönlich nach Bad Hersfeld kommen, um mit Steinbrück zu reden. Alles andere wäre auch völlig unverständlich gewesen, denn dem Vernehmen nach startet Amazon in den Berliner Machtzirkeln gerade eine regelrechte Charmeoffensive, um den ramponierten Ruf wieder herzustellen. Mindestlohn, Leiharbeit, Arbeitnehmerfreizügigkeit – die beiden haben sich sicher einiges zu erzählen.

Bei der stürmischen Bürgerversammlung über den geplanten Windpark auf dem Wehneberg haben sich interessante Allianzen gebildet. Obwohl die Windräder auf Betreiben der rot-grünen Mehrheitsfraktion als Beitrag zur Energiewende entstehen sollen, äußerten sich neben FDP-Bürgermeister Fehling und CDU-Politikern wie Stadtrat Günter Exner auch prominente, gern in der Öffentlichkeit stehende Sozialdemokraten kritisch zum umstrittenen Windpark. Die neue, grüne Note des kleinen Partners der Mehrheitsfraktion klingt wohl nicht für alle gut.

Heringens Bürgermeister Hans Ries macht es uns politischen Beobachtern nicht ganz leicht, ihm zu folgen. Mal grün, mal gewerkschaftlich, mal parteilos, aber immer kämpferisch und polarisierend: Jetzt gehört der Gründer der Wählergemeinschaft Heringen dieser Gruppierung wieder an. Nachdem er in 2011 wegen einiger Querelen der WGH den Rücken kehrte, ist er nun nach einem Vorstandsbeschluss wieder zurück. Die Wiederaufnahme des Bürgermeisters nahmen fünf WGH-Mitglieder zum Anlass, sofort ihren Austritt zu erklären. Dieses Verhalten ist für Außenstehende nicht ganz nachzuvollziehen. In der WGH wollen die fünf nicht mehr mit dem Bürgermeister zusammenarbeiten. Wohl aber im Stadtparlament.

Denn wenn alle fünf, die nun der Heringer Wählergemeinschaft wegen Ries den Rücken kehrten, auch am 27. März im Parlament konsequent gegen eine weitere Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister gestimmt hätten, müssten nun in Heringen die Bürger entscheiden, ob Ries Bürgermeister bleiben soll oder nicht. Haben sie aber nicht.

Ganz leicht zu verstehen ist das nicht. Das ist und war die Heringer Stadtpolitik für Außenstehende schon des Öfteren nicht. Mal schauen, wie sich die WGH künftig in Heringen präsentieren wird. Interessant wird sicherlich auch, wie sich die fünf WGH-Abtrünnigen nun im Stadtparlament verhalten werden. Ihr Mandat wollen alle nach Lage der Dinge jedenfalls behalten. Politisch bleibt es spannend in der Werrastadt.

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