Schwund bei den Angeklagten im Prozess um gefährliche Körperverletzung

Da war’s nur noch einer

Bad Hersfeld. Am Anfang war Gedränge: Sechs Angeklagte im Alter von 20 bis 23 Jahren, drei Anwälte für die Verteidigung und ein Dolmetscher hatten sich vor dem Jugendschöffengericht des Amtsgerichts Bad Hersfeld platziert, um sich den Vorwürfen der gefährlichen Körperverletzung und des gemeinschaftlichen Diebstahls zu stellen.

Doch die Gerichtsvorsitzende, Amtsgerichtsdirektorin Michaela Kilian-Bock, sorgte schnell für Entwirrung: Durch ein Geständnis im Diebstahlsfall, bei dem dreimal in einem Bad Hersfelder Einkaufsmarkt Wodkaflaschen im guten halben Dutzend abgeräumt wurden beziehungsweise werden sollten, konnte das Verfahren gegen zwei dann doch nicht beteiligte Mitangeklagte eingestellt werden.

Doch so geschmeidig lief der Prozess nicht weiter, weil sich das verbliebene Quartett zur Schlägerei vor einer Rotenburger Kneipe in kollektives Schweigen hüllte.

Und so kam es, dass am Ende der Verhandlung nur noch ein Angeklagter übrig blieb – besagter Wodka-Dieb, der nach Jugendrecht zu zwei Freizeitarresten und 40 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt wurde.

Klärung unter Männern

Wie konnte das passieren?

Eine Rolle spielte dabei, dass die die Tat gut anderthalb Jahre zurück lag. Am Abend nach dem verlorenen Halbfinalspiel der deutschen Fußball-Elf bei der Europameisterschaft gegen Italien war in der Rotenburger Innenstadt mächtig Betrieb. In einer Kneipe gab es zwischen zwei jungen Männern Klärungsbedarf wegen eines Mädchens, das sich zum einen gesetzt hatte, um von dem anderen nicht mehr „angegraben“ zu werden. Als sich der Streit auf die Straße verlagert hatte, sah sich der eine plötzlich einer ganzen Gruppe gegenüber. Als er nach ein bisschen Geschubse am Boden lag, eilte ein Freund zu Hilfe und versuchte, mit einer Deutschland-Fahne die Übermacht in Schach zu halten. Die Fahne wurde ihm jedoch entrissen, und es setzte Schläge und Tritte. Schürfwunden, Prellungen, ein kaputte Brille und ein zerstörtes Handy waren das Ergebnis.

Vor Gericht konnten die beiden Zeugen allerdings nur noch den mutmaßlichen Haupttäter zweifelsfrei Identifizieren, sodass das Verfahren gegen zwei weitere Mitangeklagte ebenfalls eingestellt wurde.

Nicht vollständig

Doch auch der Haupttäter konnte zumindest gestern nicht belangt werden: Bei dem unter Bewährung stehenden 23-Jährigen aus Bebra war die Liste der Vorstrafen nicht auf dem neuesten Stand, sodass sich das Gericht keinen vollständigen Eindruck vom Angeklagten und seiner Vorgeschichte machen konnte. Sein Fall wird bei einem neuen Termin von vorne aufgerollt werden.

Von Karl Schönholtz

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