Dr. Michael Fleck referierte über Irrtümer in der Hersfelder Geschichtsschreibung

Wann predigte Luther tatsächlich in Hersfeld?

Zwischen Vitalisstraße und Finanzamt erinnert die Nachbildung des Vitaliskreuzes an die Vitalisnacht des Jahres 1378 und den „tückisch geplanten Überfall“ der Ritter des Sternerbundes. Das Original befindet sich im Museum. Fotos: Apel

Bad Hersfeld. „Die Stadtgeschichte muss nicht neu geschrieben werden“, versicherte Oberstudienrat a.D. Dr. Michael Fleck zu Beginn seines Vortrags, zu dem Kulturbund und Geschichtsverein anlässlich des Stadtjubiläums in die Stadthalle eingeladen hatten. Aber Fleck wäre nicht Fleck, wenn er nicht tatsächlich an so mancher Wegmarke gerüttelt und lieb gewordene Ungenauigkeiten beim Namen genannt hätte.

So verwies der renommierte Altphilologe darauf, dass das 1275-jährige Bestehen der Lullusstadt keineswegs urkundlich belegt ist: „Die erste urkundliche Erwähnung des ‚Locus Haireulfisfelt’ erfolgt 775 in einer Urkunde Karls des Großen!“ Gleichwohl zweifele angesichts der Eigilschen Lebensbeschreibung des Fuldaer Klostergründers Sturm niemand daran, dass Sturm vor der Gründung von Fulda im Jahr 744 zusammen mit zwei Gefährten acht Jahre in einer „vor Ort“ angelegten Einsiedelei gelebt habe – und zwar dort, wo später das Kloster Hersfeld errichtet worden sei.

Als nächstes beschäftigte er sich mit dem Büraburger Bischof Witta, der auf einem Straßenschild als Freund von Lullus bezeichnet wird, dessen Name aber nur in drei zeitgenössischen Quellen auftaucht. Eingehend legte er dar, dass als Freund nur der Mainzer Chorbischof Albuinus, der bei der Überführung der Wigbert-Reliquien nach Hersfeld eine wichtige Rolle gespielt habe, in Betracht komme.

Kein Gegenkloster zu Fulda

Unzutreffend sei es auch, wenn auf der Informationstafel im Stiftsbezirk aufgeführt werde, dass Hersfeld als Gegenkloster zu Fulda („Trutz-Fulda“) gegründet worden sei, dass die als Heilige verehrten Wigbert und Lullus tatsächlich heiliggesprochen worden seien, und dass Abt Gotzbert 985 die damals sicherlich schon vorhandene Klosterbibliothek gegründet habe.

Überfall ein Tag später

Eingehend belegte der Historiker, dass die Ritter des Sternerbundes ihren Überfall auf die gewarnte Stadt nicht in der „Vitalisnacht“ begingen, sondern erst in der Nacht danach (also vom 28. auf den 29. April 1378). Akribisch untersuchte er, was ursprünglich auf dem zur Erinnerung daran aufgestellten Vitaliskreuz stand, was jetzt auf der Nachbildung steht, wie die Form des Hersfelder Doppelkreuzes zu erklären ist und ob es im Eingangsbereich der Stiftskirche ein großes Wandgemälde gegeben hat.

Brisant sind Flecks Überlegungen zum Aufenthalt von Martin Luther, der 1521 auf der Rückreise vom Reichstag zu Worms in Hersfeld predigte. War es tatsächlich am 1. Mai um 5 Uhr morgens – zur fünften Stunde – und war es „vor kleinem Publikum“ in der großen Stiftskirche, wie bislang angenommen wurde?

Argumente

Fleck jedenfalls führte überzeugende Argumente dafür auf, dass es am 2. Mai – am fünften Tag der Woche: einem Donnerstag – gewesen sein muss! Seiner Meinung nach sprach der Reformator im Laufe des Morgens – und vor einem großen Teil der Hersfelder Bevölkerung! Einleuchtend wäre für ihn auch, dass Luther in der Stadtkirche das Wort Gottes verkündigt hat, da diese schon damals der Stiftskirche den Rang als religiöses Zentrum abgelaufen hatte.

Muss also an dieser Stelle und angesichts des am 29. April anstehenden „Festivals der Reformation“ die Hersfelder Geschichte doch neu geschrieben werden?

Von Wilfried Apel

Kommentare