Von der Wahlkampf-Rallye ins Weiße Haus: Als dpa-Praktikantin in der US-Hauptstadt

Obama-Mania in Virginia

WASHINGTON/SCHENKLENGSFELD. Gerade als der Secret Service die Taschen und Laptops der Pressevertreter mit Sprengstoffspürhunden überprüft, tauchen mehrere Helikopter am Himmel auf. Die Aufregung steigt und spätestens als ich die Jubelrufe der Menschen höre, weiß ich: Obama ist da.

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Nicole Wagner (24) stammt aus Schenklengsfeld und studiert Amerikanistik, Anglistik und Politik in Kassel. Die 24-Jährige, die auch als freie Mitarbeiterin für die HZ tätig ist, absolvierte jetzt ein vierwöchiges Praktikum bei der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Washington.

Wenig später stehe ich auf einem Stuhl inmitten des prall gefüllten Baseball-Stadions im kleinen Städtchen Woodbridge, umringt von Fernsehteams aus aller Welt. Hier im Bundesstaat Virginia findet eine der zahlreichen Wahlkampf-„Rallyes“ des Präsidenten statt. Virginia ist hart umkämpft, denn die Wähler dort sind laut Umfragen derzeit noch weitgehend unentschlossen. Ich schieße Fotos und halte gleichzeitig die Tür zu den Mannschaftskabinen im Blick, vor der zwei riesige Bodyguards stehen. Dann ist der Moment gekommen. „Hier ist Präsident Barack Obama!“, ruft Mark Warner, ehemaliger Gouverneur von Virginia. Die Menge tobt. Obama joggt lässig auf die Bühne. Er lächelt, winkt. „Four more years! Nochmal vier Jahre!“, ruft die Menge euphorisch. Der Präsident hält eine seiner perfekten Reden und sucht immer wieder die Blicke der Menschen. Er schaut auch in meine Richtung. Anschließend schüttelt er die Hände der glücklichen Anhänger in den ersten Reihen. Das ist Wahlkampf in den USA. Und ich bin mittendrin.

Mein Praktikum im Büro der Deutschen Presse-Agentur in der US-Hauptstadt findet genau zur richtigen Zeit statt, in der heißen Phase des Wahlkampfs. Ständig gibt es neue Meldungen und Umfrageergebnisse. Gerade erst sorgte das Video, in dem Obamas Herausforderer Mitt Romney 47 Prozent der Amerikaner buchstäblich als Schmarotzer abstempelt, für Furore. Veröffentlicht wurde es von „Mother Jones“, einer Nachrichtenorganisation, deren Büro sich bloß ein paar Häuser die Straße runter befindet.

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Läuft man zwei Blocks in die andere Richtung, kommt man direkt zum Weißen Haus. Vor dessen Zaun stehe ich ein paar Tage nach meiner „Begegnung“ mit dem Präsidenten. Eine Kollegin hat mich gebeten, sie zur Pressekonferenz des US-Regierungssprechers dorthin zu begleiten. Aber bis jetzt ist unklar, ob ich wirklich hinein gelassen werde in das wohl am besten bewachte Haus der Welt. Es dauert einige Minuten, ich stehe nicht auf der Liste. Doch dann bekomme ich doch noch den begehrten lilafarbenen Ausweis, der mir Zutritt zum „West Wing“ verschafft. Einzige Bedingung: Ein Soldat muss mich bis zur Eingangstür begleiten. „Weil Sie kein US-Bürger sind“, lautet die Erklärung. Das nehme ich gerne in Kauf und sitze nach einer weiteren Sicherheitskontrolle im Presse-Zimmer des Weißen Hauses, nur ein paar Meter entfernt vom „Oval Office“, dem Büro des Präsidenten. Neben mir sitzen Korrespondenten weltbekannter Medien: von CNN, Associated Press und der Washington Post. Hauptthema der Frage-Antwort-Runde sind die Brandherde in der arabischen Welt – Iran, Syrien, Libyen.

Informationen im Minutentakt

Jeden Tag verfolge ich im dpa-Büro das politische Zeitgeschehen. Am Tag nach dem Terroranschlag auf die US-Botschaft in Libyen herrscht helle Aufregung im Nationalen Pressegebäude. Im Minutentakt gibt es neue Informationen, die verarbeitet werden müssen. Aber auch außerhalb der Politik erlebe ich viel in Washington. So sehe ich neben dem Präsidenten auch Schauspieler Denzel Washington, Rekordschwimmer Michael Phelps und zwei der Astronauten, die 1969 zum Mond reisten: Buzz Aldrin und Michael Collins.

Nur Minuten nach meinem Gastspiel im Weißen Haus kommt mir alles wie ein Traum vor. Wieder stehe ich vor dem Zaun und blicke auf Barack Obamas Zuhause – wie ein ganz normaler deutscher Tourist.

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