Bad Hersfelder Festspiele: Melissa Kings tiefgründige „Show Boat“-Inszenierung

Vorne Glitzer, hinten Tod

Die mitreißenden Tanzszenen sind nur eine Qualität des Musicals „Show Boat“ bei den Bad Hersfelder Festspielen. Melissa Kings vom Premierenpublikum gefeierte Inszenierung besticht darüber hinaus durch Tiefgang und großartige Darsteller. Foto: drama-berlin.de

Bad Hersfeld. Das Stück heißt „Show Boat“, es spielt auf einem Theaterschiff auf dem Mississippi, doch in der Stiftsruine finden sich weder Schaufelrad noch Schornsteine. Kein Boot also. Dafür aber der Titel in überdimensionalen Leuchtbuchstaben, vier davon unter einer Brücke, die anderen auf überraschend wandelbaren Würfeln, in denen ganze Räume versteckt sind.

Schon die Bühnengestaltung von Knut Hetzer macht deutlich, dass das neue Musical der Bad Hersfelder Festspiele mehr sein will als eine Reminiszenz an den Begründer des Genres. Und tatsächlich hat die Amerikanerin Melissa King, die sowohl für die Regie als auch für die Choreografie verantwortlich zeichnet, den Musical-Oldie von 1927 gründlich entstaubt.

Nicht operettenhaft

Die Musik kommt nicht so operettenhaft daher wie in der Ur-Version (musikalische Leitung: Christoph Wohlleben), und die Handlung wurde von drei auf verträgliche zweieinhalb Stunden verkürzt.

Dass das „Show Boat“ bei den Festspielen mehr Tiefgang hat als sonst üblich, erreichte King durch einen dramaturgischen Kunstgriff. Denn eigentlich ist das Rassismus-Thema mit der vierten Szene im ersten Akt abgehakt. Was folgt, ist eine in Show-Szenen verpackte Liebesgeschichte.

King hat jedoch in der Apsis der Ruine ein Baumwollfeld platziert, dahinter einen Galgen mit zwei aufgeknüpften Sklaven – so bleiben Unterdrückung und Tod präsent, auch wenn im Vordergrund dem Glitzer des Show-Business gehuldigt wird. Damit nicht genug: Unversehens tritt der Ku-Klux-Klan auf und tötet zwei weitere Sklaven. Für die Regisseurin – das hat sie im Gespräch mit unserer Zeitung ausgeführt (Text unten) – taugt der Rassismus von damals auch heute noch als Beispiel für alle Spielarten der Diskriminierung.

Überfrachtet hat King ihre Inszenierung jedoch nicht, es bleibt viel Raum für sprühendes Spiel, für Humor und bewegende Momente. Hier lebt sich ein Ensemble aus, das wieder einmal bis in die kleinste Rolle erstklassig besetzt ist – was insbesondere in den mitreißenden, bunten Tanzszenen (Kostüme: Judith Peter) deutlich wird.

Aber natürlich verdankt die Produktion ihren Erfolg auch den Stars: Milica Jovanovic ist eine Magnolia, der die Lebenslust ins Gesicht geschrieben steht und die zum Steinerweichen schön singt.

Wunderbar präsent

Jan Ammann als Ravenal zeigt als Spieler mit Herz auch in kritischen Momenten Haltung und ist stimmlich von der ersten Sekunde an wunderbar präsent. Michael Schanze hat nach dem Tevje mit Käpt’n Andy eine weitere maßgeschneiderte Rolle gefunden, die ihm die Sympathien des Publikums sichert.

Mit Siggy Davis (Queenie), Sophie Berner (Julie La Verne), Inez Timmer (Parthy Hawks), Petter Bjällo (Frank) und Nini Stadlmann (Ellie) stehen ihnen weitere großartige Darsteller zur Seite.

Unbestrittener Höhepunkt des Abends ist aber das Lied, das jeder kennt: Wenn Walter Reynolds den „Ol’ Man River“ besingt, dann dringt das durch und durch. Ein großartiger Moment.

Unterm Strich: Hingehen, anschauen. Es lohnt sich. Und das Beste: Es gibt noch Karten.

Von Karl Schönholtz

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