Überwiegend positives Medienecho auf die Tell-Inszenierung von Holk Freytag

Volltreffer oder Fehlschuss

Er trifft immer ins Schwarze: Der Armbrustschütze Wilhelm Tell, in Bad Hersfeld trefflich verkörpert von Markus Gertken. Foto: roda

Bad Hersfeld. Die Premieren-Inszenierung von Friedrich Schillers Drama „Wilhelm Tell“ durch Festspiel-Intendant Holk Freytag wurde bereits in mehreren Feuilletons der deutschen Zeitungen besprochen.

Deutsche Presseagentur

Eine der wichtigsten Stimmen ist dabei die weitverbreitete Deutsche Presseagentur dpa. Ihr Kritiker, Jörn Perske, urteilt:

„Bei der insgesamt gelungenen Premiere präsentierte der vom Staatsschauspiel aus Dresden gekommene und für vier Jahre verpflichtete Intendant eine moderne Version des Klassikers mit einigen Überraschungseffekten.

Die etwa 1500 Zuschauer in der nicht ausverkauften Stiftsruine bedachten die Aufführung von „Wilhelm Tell“ mit fast zehnminütigem Applaus. Markus Gertken beeindruckte als Titelheld. In weiteren Rollen überzeugten Bernd Kuschmann als Werner Stauffacher, Stefan Reck in der Gestalt des sadistischen Reichsvogts Hermann Gessler und vor allem Altmeister Horst Sachtleben als Freiherr von Attinghausen.

Fuldaer Zeitung

Kritischer fällt die Rezension der Fuldaer Zeitung unter dem Titel „Kein Volltreffer, aber auch kein Fehlschuss“ von Christoph A. Brandner aus:

Weil Freytag das Stück als „bis heute irritierenden Beitrag zur Selbstfindung der deutschen Nation“ versteht, hat er es in die 1950er Jahre und damit in die Gründerzeit der Bundesrepublik verlegt.

Dort wirkt die auf gut die Hälfte eingestrichene Fassung, die einem bebilderten Büchmann gleicht, mitunter wie ein Fremdkörper. (...) Während eine fünfköpfige Trachtenkapelle samt obligatem Alphorn mit meist idyllischen Klängen die Inszenierung begleitete, kommentierte und manche Textpassage übertönte, rollte Familie Tell im VW-Bus zum Camping, bediente sich der böse Gessler eines VW-Kübelwagens.

Plakativ geriet die Entsorgung des toten Tyrannen, der auf einer Plane von besagtem Gefährt überplakativ über die Bühne gezogen wurde. Wie er ums Leben kam, wird so manchen entgangen sein. Allzu fern stand und schoss Tell aus dem Apsisfenster. Langatmig war die Rütli-Szene, spektakulär der vom Mittelbogen herabstürzende Wasserfall.

Lob verdient Freytag dafür, dass er der Kraft der Bühne vertraute und sie wirken ließ. Allerdings nutzte er den Raum nicht immer optimal, wich zu oft auf die Seiten aus.

Gießener Allgemeine

„Der Tell traf ins Schwarze“ titelt hingegen die Gießener Allgemeine. Deren Kritikerin Marion Schwarzmann urteilte:

„Freytag, in der Branche ein alter Hase, versteht es tatsächlich, uns die verhasste, weil langweilende Schullektüre schmackhaft zu machen.

Dank exzellenter Schauspieler bringt er Licht in das Dunkle der Schweizer Machenschaften - ein friedliebendes Volk, das sich gegen die Gewaltherrschaft auflehnt, im berühmten Rütli-Schwur beim Lagerfeuer sich vereint, um gemeinsam die Freiheit zu erzwingen. Es geht um Solidarität und Einigkeit, um eine Standortbestimmung im Kampf gegen Österreich und letztlich auch Deutschland, um die Gründung eines Staates innerhalb Europas, um die Findung der eigenen Identität.

Gemeinsamkeit macht stark - das unterstreicht Freytag in diversen, sorgfältig choreografierten Massenszenen, in denen einigen die Führungsrolle zugedacht ist. Und hier dürfen seine Schauspieler auftrumpfen.

Hessische Allgemeine

Bettina Fraschke von unserer Partnerzeitung HNA beschreibt in ihrer Kritik den weiten Bogen von rauschebärtigen Alm-Öhis zu Mafiosis mit Sonnenbrillen, um dann zu urteilen:

„Wie passt das alles zusammen in Holk Freytags Inszenierung von Friedrich Schillers Freiheitsdrama „Wilhelm Tell“? In zweieinhalb nicht sonderlich euphorisch beklatschten Stunden gab es darauf bei der Eröffnung der 60. Bad Hersfelder Festspiele keine recht überzeugende Antwort.

Freytags eigener Anspruch, den Stoff auf die junge Bundesrepublik und das sich formierende gemeinschaftliche Europa der Nachkriegszeit zu beziehen, löste sich auf der Bühne in der fast ausverkauften Stiftsruine jedenfalls nicht ein.

Ausgewalzt wurde der Gag, Autos (neben dem VW-Bus auch noch einen Kübelwagen für Gessler) über die Bühne kurven zu lassen. Insgesamt gab es wenige große, akkurat durchchoreografierte Bilder.

Überhaupt war immer wieder das Regieansinnen spürbar, den Fokus aufs Persönliche zu lenken, die Beziehungen, die Dialoge zu betonen: Das Private wird politisch. (...) Diesem Anti-Pathos-Bestreben (für das man sich in der riesigen Stiftsruine aber eine bessere Textverständlichkeit gewünscht hätte) stand die Bühnenmusik oft entgegen: Jazz, Volkstümliches und Trommelwirbel einer kleinen Band im blumenbekränzten Folklorelook sollten dem Geschehen zusätzlich Emotionen injizieren – überlagerten aber zum Teil die Sprechtexte.

Osthessen-News

Unter der Überschrift „Europäisches Theater als würdiger Festspiel-Auftakt“ urteilt Klaus Scheuer vom Online-Dienst Osthessen-News:

Kein Stück mag so oft zitiert worden sein, wie Schillers Tell, und doch bleiben die so oft bemühten Worte des Schillerschen Textes lebendig in Holk Freytags Inszenierung. In schlichter Ausstattung werden Bühnenbild und Kostüme der dramatischen Ausstrahlung des Spielortes einmal mehr gerecht. Doch dies scheint bereits ein ungeschriebenes Gesetz zu sein in Bad Hersfeld, das kein Regisseur zu übertreten wagt. Umso wirkungsvoller die sparsam gesetzten Akzente, wie das nächtliche Feuer auf dem Rütli oder der alles entscheidende Apfelschuss.

Holk Freytags Tell schafft es, eine Instanz in der aktuellen europäischen Frage abzugeben. Glaubhaft von der ersten bis zur letzten Minute werden täuschende Machtstrukturen entlarvt und verbindende Werte herausgestellt.

Der wahrlich würdige Auftakt des großen Theaterfestivals in seinem sechzigsten Jahr wurde vom Premierenpublikum mit lang anhaltendem und ebenso ehrlichem Applaus bedacht.

Kommentare